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Der Morgen · 1935-06-01 · Heft 3 (Juni 1935) · p. 108

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 3 (Juni 1935)
Article
Vom geistigen Anteil der Juden im deutschen Raum
Date
1935-06-01
Page
108 (sequence 2)
Language
German
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Margarete Susman Volk eine bloß ethnische Einheit mit dem gleichen Sinn und Ziel wie die anderen Völker ist, oder ob von ihm zu allen Zeiten und in allen Räumen das Prophetenwort gilt, daß Israel nicht ein Volk ist wie andere Völker, daß seine Bestimmung nicht Selbstverwirklichung ist, sondern Selbstaufgabe um eines höheren übergeschichtlichen Zieles willen. Von der Beantwortung dieser Frage hängt die Bewertung der Kultursynthese der Juden mit den anderen Völkern ab. Ist Israel wirklich ein Volk wie andere Völker, dann muß heute ein Jahrhundert fruchtbarster Gemeinschaft und geistigen Zusammenlebens zwischen Deutschen und Juden als bloßer Irrtum und Abfall des jüdischen Volkes angesehen werden, den es nun durch die mit aller Macht ergriffene entgegengesetzte Lebensform wieder gutzumachen gilt. Ist aber mit der Zerstörung des Tempels dem jüdischen Volke ein Schicksal auferlegt, das einzig unter den Völkern ist, dann muß auch seine Kultursymbiose mit den anderen Völkern, muß insbesondere die mit dem deutschen Volk an anderem Maßstab gemessen werden. Gewiß sammeln sich auch dann — und gerade dann — um dies Zusammenwirken Probleme von brennendster Art; aber daß seiner Problematik ein Sinn innewohnt, ist dann nicht mehr fraglich. Denn die Synthese ist dann nicht mehr eine zwischen zwei auf gleicher Basis ruhenden Volkseinheiten (die sich schwer denken ließe), sondern die zwischen zwei Völkern, von denen jedes dem andern ein aus verschiedenen Ordnungen stammendes Daseinsgesetz zu geben hat. Die Zerstörung des Tempels, dies alljährlich erneut und unauslöschlich beweinte Geschehen, ist ja keineswegs ein natürliches Schicksal. Sondern in ihm liegt eine so zermalmende Furchtbarkeit für das irdische Dasein, daß ihre Problematik so lange bestehen und daß so lange das Volk immer wieder sich ihr zu entziehen suchen wird, wie die jüdische Gemeinschaft selbst besteht. Denn was damals geschah, war ja weit mehr als der Verlust der heiligen Stätte, — es war das grausame Wunder, die entsetzliche Begnadung eines Geschehens, das sich niemals vorher und niemals nachher in der Völkergeschichte begeben hat. So kommt über ein tief und fraglos wurzelndes Leben ein Sturm, stärker als jeder irdische Gewittersturm, reißt es heraus aus dem Erdboden, in dem es stand, den Ordnungen, in denen es wurzelte: es war wie ein Baum, die Welt um es her seine weite göttlich geordnete Landschaft. Nun ist es zu einem anderen geworden: zu einem, das nicht wächst noch wurzelt, das heimatlos in die Landschaft, in der es stand, und ini alle Landschaft starrt, weil es hinfort mit ihr nicht mehr in der ruhenden Einheit des Geschaffenen verbunden ist. — Und gerade wenn der Sinn dieses Ausgerissenseins aus der Schöpfungsordnung der des unmittelbaren Eingepflanztwerdens in die Offenbarungsordnung, in den reinen Dienst an Gott, am Gesetz, an der Mensch- 108

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