Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1935)
- Article
- Die Stunde der jüdischen Philosophie
- Date
- 1935-06-01
- Page
- 106 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Fritz Heinemann: Die Stunde der jüdischen Philosophie zu geben. Während der Grieche Gestalt empfing durch das Bild und durch dessen Anschauung, wurde der Jude selbst durch das Empfangen, durch das Hören des göttlichen Wortes. Diese Urgestaltwerdung des jüdischen Volkes durch die Offenbarung des göttlichen Wortes wirkt je und je durch die Geschlechterketten nach, auf alles, was in dieser Reihe Gestalt werden will. Der Jude ist nur Jude, insofern er in, aus und für den Bezug zum Absoluten lebt. Er entsteht als Mensch, indem Gott ihn bei Namen ruft und er Gottes ist. Der Urv erlauf des Erscheinens eines Unsichtbaren, der alles Menschliche begründet, nimmt hier die besondere Form der Offenbarung Gottes für den Menschen und durch ihn an. Auf diesem Zusammenhang mit dem Absoluten beruht die Kraft der jüdischen Substanz, eine Kraft, die nicht aus dem Boden, nicht aus dem Blute, sondern von dem jenseitigen Geber aller Kräfte und alles Lebens stammt. Verliert das jüdische Volk diesen Zusammen^ hang, so verliert es sich selbst. Denn ihm ist das göttliche Wort, ihm das göttliche Gebot überantwortet, ihm das kommende Reich verheißen. Damit ist es herausgehoben aus dem Kreis der Völker. Damit ist seine Lebensform die der universalen Partikularität: es lebt sein besonderes Leben aus dem Universalem her und für das Universale. Wird hierdurch die Möglichkeit einer jüdischen Philosophie als eines zugleich universalem wie partikularen Gebildes erhöht, so wird ihre Verwirklichung dadurch erschwert, daß sie zwei Doppelbedingungen zu erfüllen hat. Sie ist nur mit Kenntnis der gesamten vergangenen jüdischen Philosophie und Geistesentwicklung durchzuführen, da sie in diese Entwicklung als ein neues lebendiges Glied, als ein Jahresring eintritt, der sich den schon vorhandenen Ringen ohne Sprung anschmiegen muß. Sie kann weiter nur (und das ist wiederum eine unerläßliche Bedingung) so durchgeführt werden, daß sie die Totalität der abendländischen Entwicklung der Philosophie beherrscht und in sich aufnimmt. Denn aus dieser wächst sie heraus und auf sie wirkt sie zurück. Gleich schwer wie diese ist die zweite Doppelbedingung, welche lautet: gleichzeitig müssen die sachlichen universalphilosophischen Fragen und die besonderen, der jüdischen Situation und der jüdischen Existenz entspringenden Probleme bewältigt werden. Diese Spannung ist noch größer als die erste, aber der jüdische Philosoph muß sie auf sich nehmen, wenn anders er etwas Lebendiges und auf das Leben Zurückwirkendes schaffen will. Wer diese schweren Bedingungen nicht übernehmen will, der kann die Aufgabe nicht erfüllen, die an den jüdischen Philosophen gestellt werden. Denn nicht eigentlich nach Philosophie, nach dem Philosophen ruft die Stunde. Alle diejenigen, deren Leben ins Sinnlose hinabgestoßen ist, schreien nach dem, der ihrem Dasein einen neuen Sinn, ein neues Ziel gibt. Nachdem der Halt im Materiellen 106