Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1935)
- Article
- Die Stunde der jüdischen Philosophie
- Date
- 1935-06-01
- Page
- 107 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susman: Vom geistigen Anteil der Juden im deutschen Raum Das Gesamtbild des jüdischen Schaffens im deutschen Raum stellt uns durch die vollkommene Verschiedenheit der geistigen und der Wirklichkeitsebene, auf der es sich vollzieht, vor eine Frage, die in dem Augenblick, wo diese Synthese in der bisherigen Form auseinanderbricht, von doppelter Dringlichkeit ist: vor die Grundfrage nach der geschichtlich-übergeschichtlichen Urstruktur des jüdischen Volkes. Es ist die Frage, ob die Tatsache, daß der Jude seit der Zerstörung des Tempels eine irdische Heimat nur in dem Sinne gehabt hat, daß er für sie leben und wirken, bluten und sterben durfte — nicht aber in dem Sinne, daß sie ihm Bergung und Schutz gewährt, ihm Recht und Macht verliehen hätte, ein bloßer geschichtlicher Zufall ist oder der eigentliche Sinn des jüdischen Daseins selbst. Mit anderen Worten: ob das jüdische (Sdiluß von Seite 106) geschwunden ist, sehnt man sich nach neuer Zielgebung im Geistigen. Die politische Einheit des Judentums ist verloren gegangen, und was sich als politische Einheit noch wird realisieren lassen, kann nur eine Teileinheit sein; eine neue politische ^Einheit aller Juden der Welt ist und bleibt eine Utopie. Auch die religiöse Einheit — davor darf man die Augen nicht verschließen — besteht im Augenblick, wo breite soziale Schichten ihr entfremdet sind, nicht mehr. Sie wiederherzustellen wäre nur dem Propheten xiiöglieh, der zu seiner Zeit erscheinen wird, auf den zu warten aber die Not des Augenblicks verbietet. Deshalb ruft die Stunde nach dem, der die Einheit des zerstreuten und zurückkehrenden Volkes als geistige Einheit erschaut, nicht als leeren, abstrakten Begriff, sondern als lebendige Idee, die sich auf verschiedene Weise in Palästina und in der Galuth verwirklicht, ruft nach dem, der dem Dasein den verlorenen Sinn zurückgibt, es zurückführend zu dem Urquell, aus dem es entsprang. Darum ist die Stunde der jüdischen Philosophie in Wahrheit die Stunde des jüdischen Philosophen. (Wird fortgesetzt) 107