Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1935)
- Article
- Die Stunde der jüdischen Philosophie
- Date
- 1935-06-01
- Page
- 105 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895539-2895543-2905023--08001-2905062- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Stunde der jüdischen Philosophie tieren wollte. So folgenreich das für die abendländische Philosophie war, vom jüdischen Standpunkt aus gesehen war es eine zufällige Möglichkeit, die bald wieder verlassen wurde, weil sie zu einer Substanzauflösung führte. Die mittelalterliche nicht, weil sie im wesentlichen Theologie und Religionsphilosophie war und weil sie die philosophische Frage nicht mit der Radikalität stellen konnte, die ihrer Bedeutung entspricht Die neuere Philosophie nicht, weil hier das Jüdische sich bei den bedeutenden Erscheinungen ins Europäische auflöst, während umgekehrt zentrale jüdische Gedanken, wie der der Schöpfung, des Geistes, des Momv theismus, in christlicher Umprägung die abendländische Philosophie tief bestimmen. Eine jüdische Philosophie ist gerade deshalb möglich, weil sie noch ihrer endgültigen Realisierung harrt. Ihre eigentliche Stunde aber ist gekommen, zunächst einmal, weil es heute wieder einen spezifisch jüdischen Erscheinungsraum gibt. Dieser ist in Palästina als zukunftsträchtiger Boden des Gemeinschaftslebens gegeben, der zunächst nichts als Möglichkeiten darbietet. Und ebenso ist uns eine neue Möglichkeit innerhalb der Diaspora wiedergegeben; denn auch dieser Raum ist — wenn auch durch einen schmerzlichen Prozeß — wieder jüdisch erfüllt und problemschwanger bis zum Bersten. Möglichkeiten erst — doch was gibt es Köstlicheres als Möglichkeit, als das Geschenk der Zukunft? Aber ihre Stunde ist zugleich deshalb gekommen, weil es wieder eine spezifisch jüdische Zeit gibt. Generationen haben ein Leben gelebt, das nicht das ihre war, sind einen Tod gestorben, der nicht der ihre war, haben eine Zeit erfüllt, die nicht ihnen gehörte. Wir durchleben einen Moment, der aus einem Ablauf fremder Geschichte wieder einmündet in den großen Strom jüdischer Geschichte, einen Moment, der sich steigert zum Augenblick, in dem vieltausendjährige Vergangenheit, Gegenwart und unübersehbare Zukunft sich zu schicksalhafter Einheit zusammenballen. Weil wir das Volk der längsten Erinnerung sind, weil das, was wir auf der vieltausendjährigen Wanderung durch Zeiten und Räume erfuhren, weil, was wir in den unsäglichen Leiden, in den tausendfachen Toden, die wir starben, und in den ebenso zahlreichen Auferstehung gen erfuhren, noch nicht philosophisch als unsere Philosophie zum Ausdruck kam, weil all dieses im Moment einer Rückkehr zu uns selbst uns neu zuströmt, augenöffnend, herzernährend, sinnr erschließend — darum ist die Stunde für eine wirklich aus jüdischem Herzen stammende Philosophie gekommen. — Und endlich bricht die jüdische Substanz nach allen Prozessen der Zerstö!- rung und Auflösung, die sie durchschreiten mußte, wieder in ungebrochener Kraft durch und kommt zu ihrem Selbstbewußtsein. Es gibt spezifisch jüdische Existenz. Es gibt eine besondere Weise der Juden, in der Welt zu sein, ihr und sich selbst Gestalt 105