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Der Morgen · 1935-06-01 · Heft 3 (Juni 1935) · p. 104

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 3 (Juni 1935)
Article
Die Stunde der jüdischen Philosophie
Date
1935-06-01
Page
104 (sequence 4)
Language
German
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Fritz Heinemann. Verwirklichung. Und so gibt es in der Tat eine deutsche, englische, französische, italienische Philosophie, deren Eigenwesen schon durch den verschiedenen Charakter der Sprachen bedingt, wenn auch nicht leicht zu fassen ist. So ist z. B. die deutsche Philosophie dadurch charakterisiert, daß die Zeit die innere Form der Realisierung der deutschen Sprache darstellt, während in der französischen Sprache die Raumform vorwiegt. Daher kann die deutsche Sprache dynamische Vorgänge beliebig ausdrücken, von Reformation, von Akten der Zeitigung, der Sinngebung, des Entwerdens, der Verräumlichung, von Tathandlung usw. sprechen, während die französische Sprache gezwungen ist, sich dem Resultat des Prozesses zuzuwenden, deshalb z. B. „la reforme" zu sagen und die übrigen genannten deutschen Ausdrücke mühsam durch statische Bilder zu umschreiben. Darum im deutschen Kulturkreis von 'Meister Eckhardt bis Nietzsche die Hinwendung zum Werden, zum Fließen, zum Irrationalen des Ungeformten, während umgekehrt der Franzose Descartes die Ausdehnung, den Raum als Substanz ansetzt und die französischen Denker durchgehend dem Fertigen, Abgeschlossenen, der Form ihren Tribut zollen, selbst Bergson, der (eine Ausnahmeerscheinung) wie die Deutschen des irrationalen Flusses habhaft werden möchte, aber durch die Sprache gezwungen wird, den inneren Kern dieses Flusses als la duree (die Dauer!) zu bezeichnen. Aber dürfen wir daraus ohne weiteres schließen: ebenso gibt es eine jüdische Philosophie? „Es hat niemals eine jüdische Philosophie in dem Sinne gegeben, in dem es eine griechische oder römische, eine deutsche oder französische gibt", so antwortet darauf einer der besten Kenner der Geschichte der jüdischen Philosophie. Er leitet dieses Urteil aus dem Diasporacharakter der jüdischen Gemeinschaft und der daraus sich ergebenden Tatsache her, daß die jüdische Philosophie sich jeweils aus der Rezeption fremden Gedankengutes, in der jüdisch-alexandrinischen Periode durch die der griechischen Philosophie, in der mittelalterlichen durch die der islamischen, in der Neuzeit durch die der modernen Philosophie bildete. Und er schließt daraus: „Die jüdische Philosophie ist seit der Antike ihrem Wesen nach Philosophie des Judentums, wenn sie auch im Mittelalter, das auf religiöser Grundlage Ansätze zu einer jüdischen Gemeinschaftskulter erzeugt, zeitweise über ihr religiöses Zentrum hinausgreift." (Julius Guttmann, Die Philosophie des Judentums. München 1933.) Wir stimmen dem ausgezeichneten Forscher im Negativen zu, ziehen aber daraus andere Folgerungen. Die bisherige Philosophie hat als solche der Diaspora ihre eigentliche Aufgabe nicht erfüllt, hat sich selbst noch nicht wesentlich realisiert, trotz großer Einzelleistungen. Die alexandrinische Philosophie nicht, weil sie das Jüdische dem Griechischen angleichen und das jüdische Wort platonisch interpre- 104

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