Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1935)
- Article
- Die Stunde der jüdischen Philosophie
- Date
- 1935-06-01
- Page
- 103 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Stunde der jüdischen Philosophie liert hat: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Zugleich aber ist sie in ihrer Verwirklichung stets partikular, weil diese nur in jeweils besonderer Weise möglich ist. Dreifach aber sind die Bedingungen der Besonderung: 1. Philosophie ist immer existenz-gebunden. Sie kann nur durch den Einsatz einer persönlichen oder kollektiven Existenz verwirklicht werden. Das bedeutet, daß sich in ihr zugleich immer Existenz enthüllt und auslegt. Ein einziges Beispiel, das sich durch tausend andere ergänzen ließe: Nietzsches „Fröhliche Wissenschaft" drückt bei allen sachlichen Erkenntnissen, die sie enthält, zugleich den Moment der Genesung nach einer langen, schweren Krankheit aus, deren Leiden den Denker zu tieferen Einsichten reif machte: „die Saturnalien eines Geistes, der einem furchtbaren, langen Drucke geduldig widerstanden hat — geduldig, streng, kalt, ohne sich zu unterwerfen, aber ohne Hoffnung —, und der jetzt mit einem Male von der Hoffnung angefallen wird, von der Hoffnung auf Gesundheit, von der Trunkenheit der Genesung." Philosophie lebt stets in dieser ungeheuren Spannung zwischen Persönlichstem und Sachlichstem, das tiefste eigene Leiden wird ihr der Schlüssel zu den Geheimnissen des Daseins. 2. Philosophie ist immer zeitgebunden. Sie entspringt einer bestimmten Situation mit ihren konkreten Bedingungen und nimmt ihre Stelle in der konkreten Geschichte ein. Sie ist bedingt durch alles, was vorausgegangen ist, durch das, was die Gegenwärt an Wirklichkeiten und Möglichkeiten enthält und endlich durch das, was die Zukunft erfordert. Sokrates ist nur zu begreifen aus dem Kampfe gegen die Sophistik, Kant aus dem Versuch, die Leibniz-Wolffeche Metaphysik aufzulösen, Hermann Cohen aus der Situation des deutschen Judentums gegen Ende des 19. Jahrhunderts. 3. Philosophie ist immer raumgebunden. Wie dasselbe malerische Thema, etwa die Vertreibung aus dem Paradies, in den Räumen verschiedener Kulturen, nach noch unbekannten Gesetzen, auf jeweils besondere Weise in Erscheinung tritt, so prägt sich auch der gleiche philosophische Gedanke, z. B. dieser, daß der Kern der Wirklichkeit vernünftig sei, in den verschiedenen Räumen der Völker auf andere Weise aus; daher ist der Rationalismus Descartes' keineswegs identisch mit dem von Hobbes oder dem von Hegel. Weder dem realen Raum mit seinen menschlichen, wirtschaftlichen, sozialen Spannungen, noch dem inneren Raum, dem alles Geistige sich einfügen muß, wenn es in die Erscheinung treten will, kann sich der Philosoph entziehen. Diese Räume entscheiden darüber, was Problem wird, wie es dazu wird, mit welcher Dichte die Probleme auftreten und welche Färbungen sie empfangen. In diesem Sinne waren die Philosophien trotz ihrer universalen Tendenzen, Probleme, Methoden stets partikular in ihrer 103