Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1935)
- Article
- Die Stunde der jüdischen Philosophie
- Date
- 1935-06-01
- Page
- 102 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Fritz Heinemann sehe, englische, französische oder italienische, es gibt nur eine universale, in diesem Falle europäische Philosophie. Wenn ich als Sonderwesen, etwa als Jude, philosophiere, so überschreite ich im Akte des Philosophierens dieses beschränkte, ja zufällige Sein meiner Besonderheit, ich stehe vielmehr als endliches Wesen überhaupt dem Unendlichen, dem ich mein Sondersein opfern muß, gegenüber. Und in einem hat dieser Standpunkt recht. Der universale Anspruch muß als eine unabdingbare Bedingung alles Philosophierens bestehen bleiben. Der Philosoph soll der Wahrheit und nur ihr dienen. Er ist dem Unendlichen, dem Absoluten unbedingt verpflichtet. Er muß der Menschheit leben, und die Früchte seiner Arbeit müssen allen zugänglich sein. Von diesem Anspruch ist nicht ein Jota abzudingen, und die Philosophie, die ihn aufgibt, zerstört damit sich selbst. Darum ist es uns nicht vergönnt, ohne Umschweife zur Gegenthese überzugehen, welche behauptet: es gibt nur und hat im Laufe der Geschichte nur partikulare Philosophie gegeben, nur griechische, römische, deutsche usw., die universale aber ist eine Illusion. Darum müsse und solle es auch eine rein partikulare jüdische Philosophie geben, die nur der Besonderheit des jüdischen Volkes entspringe und nur dieser lebe. Jede Universalität sei abzulehnen, ja diese Idee selbst habe abgewirtschaftet, sei tatsächlich aufgelöst. Wir befinden uns hier einer echten Antinomie gegenüber, d. h. einer Zweiheit von Sätzen, die einander widersprechend mit dem gleichen Anspruch auf Wahrheit auftreten, die wir nicht durch ein fades Kompromiß, sondern nur durch exakten Nachweis der Grenzen beider Behauptungen und durch Bestimmung ihrer Gültigkeit aufheben können. In ihrer Ausschließlichkeit sind beide Aussagen falsch. Es kann nicht nur-universale Philosophie geben. Sie ist stets an einzelne Völker und bestimmte Menschen gebunden. Darum existieren relativ unphilosophische Völker (Römer, Schweizer, Holländer, Nordländer). Ebensowenig kann es nurpartikulare Philosophie geben. Sondern je bedeutender ein Philosoph war, um so mehr durchbrach er die nationalen Schranken und um so mehr gehörte sein Sein und sein Denken der Menschheit, ja dieser Durchbruch ist geradezu ein Maßstab seiner Größe. Relativiert man aber die Sätze, so sind sie beide richtig. Jede Philosophie ist sowohl universal wie partikular. Universal in ihren Tendenzen, d. h. in ihrem Willen, die Gesamtheit des Seins, des Geschehens der Natur und der Geschichte, dessen was ist, dessen was sein kann (Inbegriff der Möglichkeiten), dessen, was sein soll, zu umspannen. Universal in den Methoden, die sich auf alles anwenden lassen müssen, was dem betreffenden Gebiete angehört. Universal in ihren Fragen, die Kant so formu- 102