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Der Morgen · 1935-06-01 · Heft 3 (Juni 1935) · p. 101

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 3 (Juni 1935)
Article
Die Stunde der jüdischen Philosophie
Date
1935-06-01
Page
101 (sequence 1)
Language
German
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Fritz Heinemann: Die Stunde der judischen Philosophie „Dem kommenden Philosophen" Das Problem einer jüdischen Philosophie ist aktuell. Es entspringt mit Notwendigkeit dem Augenblick. Der jüdische Mensch, von dem Geschehen der letzten Jahre auf sich selbst zurückgeworfen, in Situationen tiefsten Leidens hinabgestürzt, die den Gesamtsinn seiner Existenz in Frage stellen, ist gezwungen, die Frage nach dem Sinne seiner jüdischen, damit der menschlichen Existenz und nach dem Sinne des Seins überhaupt zu stellen. Um so dringender wird dieser Anspruch, je mehr das Philosophische als Formkraft seines Lebens in ihm herrschend, je mehr er selbst Philosoph war und je schroffer er herausgerissen ist aus dem; Räume, aus dem und für den er lebte, je mehr sein Schaffen fortan ins Leere fällt. Die Dringlichkeit dieser Problematik steigert sich vom Standpunkt der jüdischen Gemeinschaft aus, denn in dem Augenblick, wo diese sich anschickt, auf eigenem Boden eine jüdische Wirklichkeit aufzubauen, und in welchem sie gezwungen ist, zugleich das Galuthproblem aufs neue zu durchdenken, muß sich die Frage einer lebens- und volksverbundenen Philosophie als unabweislich erheben. Sie muß jedoch mit dem in diesen Problemen unerläßlichen Ernst, mit Umsicht und Strenge in Angriff genommen werden, und ihre Lösung muß darum mit der Vorfrage beginnen: ist überhaupt eine jüdische Philosophie möglich? Man darf diese Frage nicht zu leicht nehmen. In Wirklichkeit gibt es nur eine Philosophie und hat es immer nur eine gegeben, wie es nur eine Wahrheit gibt und geben wird. Das gilt trotz der unübersehbar verschiedenen Begriffsbestimmungen, die die Philosophen im Laufe der Jahrhunderte, sich auf ihr Tun besinnend, von ihr gegeben haben. Je und je nämlich war sie, die ihrem Wortsinn nach Liebe zur Weisheit bedeutet, der ewig erneuerte Versuch, radikal nach der Einheit des Seins und des Sinnes zu fragen, oder die ewige Arbeit des Menschen, eine Gesamtsinngebung seines Seins im Verhältnis zum Sein überhaupt und zum Absoluten zu vollziehen. Weil es aber nur eine Philosophie gibt, so stellt sich uns der Satz, die These entgegen: es gibt keine partikulare, sei es deut- 101

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