Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1935)
- Article
- Über den Tod
- Date
- 1935-05-01
- Page
- 84 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Werner Kraft: Über den Tod die Rede ist. Dieses aber wie jenes scheint nicht möglich zu sein. Der Blickpunkt im „Prozeß" ist der des Menschen, der bis zum letzten Augenblick vor der Wahrheit polemisch befangen bleibt; in diesem Traum aber der des Künstlers, der über einen anderen Ausweg nachgedacht hat, ohne zu sagen, woran er denkt. Führt dieser „andere" Ausweg in Gegenden, die sich vor den Augen, die sie sehen wollen, in schwer durchdringliche Finsternis verhüllen, — auch das „Weiterschreiben" ist einer, und dieser liegt im Bereich der Realität. Der erste kleine Strich, den er machte, war für K. eine Erlösung. Der Künstler brachte ihn aber offenbar nur mit dem äußersten Widerstreben zustande; — gewiß, denn der Verlockung K.'s durch den Namen widerstrebt der Künstler, der mit einem Bleistift schreibt, welcher, wie K. noch nicht weiß, Blut in Gold verwandelt. Nun aber zeigt es sich: die Schrift war auch nicht mehr so schön, vor allem schien es an Gold zu fehlen, blaß und unsicher zog sich der Strich hin, nur sehr groß wurde der Buchstabe. Es war ein J, fast war es schon beendet, da stampfte der Künstler wütend mit einem Fuß in den Grabhügel hinein, daß die Erde ringsum in die Höhe flog. Nun verschiebt also Gewalt das Verhältnis der beiden völlig, das Mißverständnis ist nur noch auf der einen Seite, und es wird klar, warum der Künstler über den Grabhügel hinweg, auf den er nicht treten wollte, in so unbequemer Haltung schrieb. K. selbst sollte auf ihn treten. Es ist aber diese Gewalt so, daß sie Erkenntnis bringt, welche die Gleichheit zwischen beiden im höchsten Stand der Betrachtung wiederherstellt: der eine tötet, der andere stirbt. Endlich verstand ihn K.; die nicht im Text stehende Sperrung soll darauf deuten, wie wichtig vor allem dieses Verstehen ist, das Einverständnis wurde (an seinem identischen Gegenpol, in der Schuloper „Der Jasager", für die irdischen Dinge gefordert, die nicht überirdische sein, hier für die überirdischen, die irdische sein wollen). — Ihn abzubitten war keine Zeit mehr; das ist die Schuld, die versiegelt wird! Nun handelt er: mit allen Fingern grub er in die Erde, die fast keinen Widerstand leistete; alles schien vorbereitet; nur zum Schein war eine dünne Erdkruste aufgerichtet; gleich hinter ihr öffnete sich mit abschüssigen Wänden ein großes Loch, in das K., von einer sanften Strömung auf den Rücken gedreht, versank. Während er aber unten, den Kopf im Genick noch aufgerichtet, schon von der undurchdringlichen Tiefe aufgenommen wurde, jagte oben sein Name mit mächtigen Zieraten über den Stein. Entzückt von diesem Anblick erwachte er. im „Prozeß" stirbt K., wie es nach seinem letzten Wort scheint, unbelehrt, „wie ein Hund"; über die „Entscheidung", welche die beiden Henker beobachteten, wird nichts mitgeteilt. Aber es wird ausdrücklich, vorher, gesagt, daß er nicht vermochte, sich das Messer, das sie sich über ihm einander zureichten, selber einzustoßen, obwohl er wußte, daß es seine Pflicht war. In diesem Traum erfährt er eine Belehrung. Der Mensch muß den natürlichen Tod, auf den nicht sein Weg sondern die Bahn, die diesen überspringt, ihn stößt, als geistigen Tod sterben. Es gelingt ihm nicht. Aber zwischen seiner Schwäche, dem Faktum, und seiner Erkenntnis, der Forderung, steht ausgleichend die Gewalt Gottes, der nicht ist und für dessen Nichtsein die deutsche Sprache keinen positiven Ausdruck hat. In der Seligkeit des Namens erwacht der freien Willens in den Tod Gestoßene. Jean Paul begnadet im „Siebenkäs" den Träumer seiner „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei" mit der tiefsten Verzweiflung und läßt ihn selig aus ihr zum kleinen Leben erwachen; 84