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Der Morgen · 1935-05-01 · Heft 2 (Mai 1935) · p. 85

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 2 (Mai 1935)
Article
Über den Tod
Date
1935-05-01
Page
85 (sequence 5)
Language
German
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Herbert Connor: Bilder und Gleichnisse Kafka führt Josef K. im Traum hart an das Herz des Geheimnisses, wo alles positiv ist, auch das Negative. Zwei Aspekte des gleichen Gedankens. Es ist aber wichtig zu wissen, daß Kafka den „Traum' noch bei Lebzeiten ohne Erklärung in das Buch „Ein Landarzt" aufgenommen hat und den Roman „Der Prozeß" nach seinem Tode vernichtet wissen wollte. Das „Sterben wie ein Hund" ist also nicht unbedingt sein letztes Wort, obwohl verständlicher als dieser Traum, der so wirkt, als wäre er es, wann immer es gesprochen sein mag; ganz zu schweigen davon, daß er einmal die Worte niedergeschrieben hat, so als bräche durch schwarze Wolken ein flüchtiger Sonnenstrahl: „Der Tod ist vor uns, etwa wie im Schulzimmer ein Bild der Alexanderschlacht. Es kommt darauf an, durch unsere Taten noch in diesem Leben das Bild zu verdunkeln oder gar auszulöschen"*). Bilder und Gleichnisse Als der Kaiser Fu-Tschu einmal mit großem Pomp in einer Sänfte durch die Stadt getragen wurde, bemerkte er in der Menge einen Mann, der als einziger nicht im Takte der Musik marschierte, sondern sich im eigenen Rhythmus fortbewegte. Fu-Tschu war darüber sehr verwundert und ließ nachforschen, wer der Mann wäre. Es stellte sich heraus, daß es Feng-Lu war, der große Ethiker und Moralist. Als Fu-Tschu dies hörte, ließ er Feng-Lu an seinen Hof rufen, überhäufte ihn mit Ehren und ernannte ihn zum Staatsnunister. Dies geschah zur Hochblütezeit des Reiches. 200 Jahre später regierte der Fürst Wah-Jang. Als Wah-Jang einmal eine Parade abnahm, bemerkte er in der Menge gleichfalls einen Mann, der als einziger nicht dem Takte der Marschmusik, sondern seinem eigenen Rhythmus folgte. Ergrimmt darüber ließ Wah-Jang den Mann festnehmen. Es stellte sich heraus, daß es der Taoist Li-tsai-Jeng war. Als dies der Fürst hörte, ließ er Li-tsai-Jeng in den Kerker werfen und all seine Bücher verbrennen. Das aber geschah zu jener Zeit, als das Reich mitten im Verfall war und seine hohe Kultur einer Herrschaft der Verwaltungsbeamten Platz gemacht hatte. Ein Mann hatte eine besondere Vorliebe für Tontöpfe. Er sammelte sie, wo er nur konnte und stellte sie in seiner Wohnung in Reih und Glied auf. Einmal fragte ihn ein Fremder, wozu er Ton top fe brauche, da er doch weder Wein noch Milch trinke. Da antwortete der Mann: „Gerade deswegen, weil ich weder Wein noch Milch trinke, sammle ich Töpfe." _ Herbert Connor *) „Beim Bau der chinesischen Mauer." Berlin 1931, S. 243. — „Vor dem Gesetz", die andere Geschichte, die Kafka ohne jede Erklärung in den „Landarzt" aufgenommen hat, obwohl auch sie in den „Prozeß" gehört, wird ebenda an der entscheidenden Stelle, in dem Gespräch mit dem „Gefängnisgeistlichen", ausfuhrlich kommentiert. Der Tiefsinn dieses Kommentars stößt auf die Grenze, die selbst dem tiefen Denken gesetzt ist. Gerade bei Kafka, der das Profane bis zu dem Punkt durchdringt, wo ein möglicher Aspekt des Heiligen sich schattenhaft darbietet, wird die Frage dringend, wie weit nicht-heilige Schriften einen Kommentar tragen können, ohne zu wanken. 85

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