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Der Morgen · 1935-05-01 · Heft 2 (Mai 1935) · p. 83

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 2 (Mai 1935)
Article
Über den Tod
Date
1935-05-01
Page
83 (sequence 3)
Language
German
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Über den Tod lichkeit weiterzuschreiben abhängt. Das Hindernis nimmt gleichsam Gestalt an, und K. wird zum ersten Male aufmerksam, daß etwas vorgeht, was anders mit der Schrift zusammenhängt, als daß sie schön ist. Nun sah auch K. den Künstler an und merkte, daß dieser in großer Verlegenheit war, aber die Ursache dessen nicht sagen konnte. Alle seine frühere Lebhaftigkeit war verschwunden. Auch K. geriet dadurch in Verlegenheit; sie wechselten hilflöse Blicke; es lag ein häßliches Mißverständnis, vor, das keiner auflösen konnte. Der Knoten schürzt sich; die Partner scheinen gleiche Aussichten zu haben. Der Künstler versteht nicht, daß K. sich über das Sinken des Bleistifts keine Gedanken macht; K. weiß nicht, was der Künstler will. Aber jeder möchte dem anderen helfen, das liegt im Wesen der Verlegenheit, denn das Mißverständnis lastet. Wer aber soll anfangen? Beide schweigen. Da mischt sich ein Drittes ein und beginnt zu sprechen. Zur Unzeit begann nun auch eine kleine Glocke von der Grabkapelle zu läuten, aber der Künstler fuchtelte mit der erhobenen Hand und sie hörte auf. Hier ist also das Verhältnis deutlich ein anderes; über die Glocke hat der Künstler Macht. Er befiehlt; sie gehorcht. Die Glocke darf nicht zur Unzeit tönen; bevor das Mißverständnis, durch Entscheidung auf der einen, durch Erkenntnis auf der anderen Seite, behoben ist. Dies ist die entschiedenste Abweisung allen Trostes, alles dessen, was überall in der Welt, als Kirche, der Menschheit zur Seite steht, ohne doch, nach dem innersten Wesen der Sache, helfen zu dürfen. Aber auch so, als indirekte und vorletzte Instanz, sind Klang und Kirche da und üben Wirkung, wo die Worte versagen. Die Glocke tönt noch einmal. Nach einem Weilchen begann sie wieder; diesmal ganz leise und, ohne besondere Aufforderung, gleich abbrechend; es war, als wolle sie nur ihren Klang prüfen. Diesmal hat sich der Künstler nicht eingemischt, und K. war untröstlich über die Lage des Künstlers, er begann zu weinen und schluchzte lange in die vorgehaltenen Hände. Die Glocke scheint ihre Wirkung geübt zu haben, und die Lösung führt über Tränen zur Erlösung. Abernoch weiß er nicht, daß über die Lage des Künstlers untröstlich sein nichts anderes bedeutet, als daß er es über sich selber ist: ihm nicht entgegenkommen zu können. Hierum geht es auch, mit freilich anders gewendetem Ausgang, im Schlußkapitel des „Prozeß", in den dieser Traum nach einer Bemerkung Max Brods eigentlich gehört. Der Künstler wartete, bis K. sich beruhigt hatte, und entschloß sich dann, da er keinen andern Ausweg fand, dennoch zum Weiterschreiben. Dieser Ausweg, die tiefste und ursprünglich dunkelste Stelle des ganzen Traumes, drängt zunächst, die Frage zu stellen, wer eigentlich der Künstler „ist". Es liegt nahe, zu antworten: Gott; von dem man weiß, daß er weder im „Prozeß" noch irgendwo sonst vorkommt in diesem Werk einer Mitteilung von etwas, das nicht Sprache werden darf, um sich nicht noch tiefer zu verdunkeln. Erwägtman, daß Kafkasgewaltige Kunst gerade darin besteht, unvorgedachte Gedanken auf Gott zu denken, so das flache Wort der Skepsis, daß man ihn, wenn es ihn nicht gäbe, „erfinden" müsse, in nackte Wahrheit verwandelnd, so wird man die Möglichkeit nicht vorweg für sinnlos halten, daß nicht der Künstler, sondern daß der „andere" Ausweg, über den dieser nachgedacht hat, Gott wäre, den es selbst für den Künstler — eben darum weil Gott „nicht" ist — nicht gäbe. Ist aber der Künstler wirklich Gott, so wäre der Ausweg identisch mit jenem „Ausbrechen aus dem Prozeß", von dem an anderer Stelle im „Prozeß", in dem Gespräch mit dem Maler. 83

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