Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1935)
- Article
- Über den Tod
- Date
- 1935-05-01
- Page
- 82 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Werner Kraft dem Gegensatz zwischen göttlicher Bewegung, in der es keinen Haltepunkt gibt, und der Stauung des Bewußtseins, zu welcher der Mensch verflucht ist. Da schwankte er und fiel gerade vor dem Grabhügel ins Knie. Wenn der Weg weiterrast, bleibt nur der Grabhügel übrig; das Ziel ist in einem prägnanten Sinn erreicht. Die Situation ist gleichsam aus dem Stein des Grabhügels gehauen. Zwei Männer standen hinter dem Grab und hielten zwischen sich einen Grabstein in der Luft; kaum war K. erschienen', stießen sie den Stein in die Erde, und er stand wie festgemauert. Der Kausalzusammenhang ist wichtig: zuerst muß K. da sein, dann wurzelt der Stein in der Erde, aber schon vorher schwebt er in der Luft, wie es scheint von diesen beiden Männern seit geraumer Zeit gehalten; das Schwert des Damokles verhält sich zu diesem Stein wie die mythische zur wirklichen Wahrheit. Sofort kam aus einem Gebüsch ein dritter Mann hervor, den K. gleich als einen Künstler erkannte. Die Beschreibung folgt: Er war nur mit Hosen und einem schlecht zugeknöpften Hemd bekleidet; auf dem Kopf hatte er eine Samtkappe. Die Ironie, freilich geringem Grades, daß sich heute so die Allegorie des Künstlers malen ließe, wie einst mit Stab und Lorbeerkranz, wächst zu ihrer vollen Gestalt, indem eben dieser Künstler es ist, der für das Leben K.'s so viel bedeuten wird. Denn in der Hand trug er einen gewöhnlichen Bleistift, mit dem er schon Figuren in der Luft beschrieb. Er scheint zu schreiben, wie die Männer den Grabstein halten: seit geraumer Zeit; in deren Mittelpunkt K. steht. Mit diesem Bleistift setzte er nun oben auf dem Stein an; der Stein war sehr hoch, er mußte sich gar nicht bücken, wohl aber mußte er sich vorbeugen, denn der Grabhügel, auf den er nicht treten wollte, trennte ihn von dem Stein. Es wird sich zeigen, welchen Sinn die (im Text nicht gesperrten) Worte haben. Er stand also auf den Fußspitzen und stützte sich mit der linken Hand auf die Fläche des Steines. Wie unbequem steht er dal Warum macht er sich diese Mühe? Durch eine besonders geschickte Hantierung gelang es ihm, mit dem gewöhnlichen Bleistift Goldbuchstaben zu erzielen; er schrieb: „Hier ruht —"*). Der Autor verringert die Kunst des Künstlers, die doch offenbar groß ist, zu einer Hantierung, welche des Goldstifts nicht bedarf. Ehe es mehr bedeutet, erscheint es fast als Symbol des großen Stils, den Kafka in seiner Prosa ausgeprägt hat: mit einem gewöhnlichen Bleistift Goldbuchstaben zu erzielen. Aber es bedeutet wahrlich mehr als Stil; es bedeutet Tod. Eine Grabschrift wird geschrieben. Jeder Buchstabe erschien rein und schön, tief geritzt und in vollkommenem Gold. Die geschriebenen Worte, so ganz sie gelungen zu sein scheinen, spannen nur die Ahnung, die auf Fortsetzung drängt; an sich sind sie noch leer. Anderes muß geschehen. Als er die zwei Worte geschrieben hatte, sah er nach K. zurück; K., der sehr begierig auf das Fortschreiten der Inschrift war, kümmerte sich kaum um den Mann, sondern blickte nur auf den Stein. Die Lage zwischen beiden drückt sich darin aus, daß es K. lockt, seinen Namen zu lesen, aber er will nichts dazu tun, daß er erscheint; daß der Künstler sich umsehen muß, aber K. achtet nicht auf diesen Blick. Tatsächlich setzte der Mann wieder zum Weiterschreiben an, aber er konnte nicht, es bestand irgendein Hindernis, er ließ den Bleistift sinken und drehte sich wieder nach K. um. Es wird deutlicher, daß er etwas von ihm will und daß hiervon die Mög- *) Der Punkt hinter dem „ruht" ist ein Druckfehler. 82