Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1935)
- Article
- Über den Tod
- Date
- 1935-05-01
- Page
- 81 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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- IRI
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Werner Kraft: Über detl Tö(l Zu Franz Kafkas „Traum"*) he Soleil ni la Mort ne se peuvent regarder fixement. harochefoucauld. „Jose/ K. träumte: Es war ein schöner Tag und K. wollte Spazierengehen." Man darf ohne Vergewaltigung des Textes sagen, daß ein Traum, der mit solcher Distanzierung des Träumers von sich selbst geträumt wird, zum Tode führen muß, wie es heißt, daß wer seinen Doppelgänger sieht, stirbt. Wirklich lautet der nächste Satz: Kaum aber hatte er zweiSchritte gemacht, war er schon auf dem Friedhof. Es scheint nun so zu sein, daß die Welt im Bilde dieses Friedhofs gesehen wird, wenigstens legt die Fortsetzung diese Annahme nahe. Es waren dort sehr künstliche, unpraktisch gewundene Wege, aber er glitt über einen solchen Weg wie auf einem reißenden Wasser in unerschütterlich schwebender Haltung. Ist dieser Weg, über den er glitt, sein eigener, der gleichsam leerläuft? Und ihn zu gehen wäre nicht möglich, weil er nicht zusammenfällt mit dem, den er wirklich, wenn auch unerfaßbar geht und den der Dichter beschreibt, der Träumer erfährt? Auf jeden Fall ist dieser wirkliche Weg wesentlich kürzer als alle diese „unpraktisch gewundenen Wege", in denen man nicht gehen, über die man nur gleiten darf. Schon von der Ferne faßte er einen frisch aufgeworfenen Grabhügel ins Auge, bei dem er Halt machen wollte. Dieser Grabhügel übte fast eine Verlockung auf ihn aus und er glaubte gar nicht eilig genug hinkommen zu können. Die "Verlockung des Todes, die Schwermut! Sie wird gehemmt. Manchmal aber sah er den Grabhügel kaum, er wurde ihm verdeckt durch Fahnen, deren Tücher sich wanden und mit großer Kraft aneinanderschlugen; man sah die Fahnenträger nicht, aber es war, als herrsche dort viel Jubel. Dieser Jubel erscheint so undeutbar wie der Gegenstand, auf den er sich bezieht: das Leben; das im Friedhof der Welt jene Hemmung ist, die der Tod, schließlich, überwindet. Hat dieser Jubel einen positiven Klang? Darauf weisen die Fahnen und wie sie aufeinander schlagen. Hat er einen negativen Klang? Darauf weist, daß man die Fahnenträger nicht sieht. Li Wahrheit klingt er von beidem, identisch: als Ironie. Während er den Blick noch in die Ferne gerichtet hatte, sah er plötzlich den gleichen Grabhügel neben sich am Weg, ja fast schon hinter sich. Dieses ist die Bahn, aus der der Mensch geworfen wird, um zu sterben: der eigene Tod wird ihm nicht erlassen. Also heißt es: Er sprang eilig ins Gras. Aber der Weg rast unter seinem abspringenden Fuß weiter — ein mächtiges Bild von *) Franz Kafka: Erzählungen und kleine Prosa. Berlin, Schocken 1935. — Aut diese Ausgabe der gesammelten Schriften Franz Kafkas, von der bisher drei Bände vorliegen, sei mit Nachdruck hingewiesen. Sie enthält alles bei Lebzeiten des Dichters Erschienene in einer schönen Form und verspricht, das würdige literarische Denkmal eines Autors von entscheidender Bedeutung zu werden. 81