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Der Morgen · 1935-05-01 · Heft 2 (Mai 1935) · p. 79

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 2 (Mai 1935)
Article
Friedrich Hebbel und Emil Kuh
Date
1935-05-01
Page
79 (sequence 6)
Language
German
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Friedrich Hebbel und Emil Kuh büchern, Briefen und Unterredungen spricht überall die Stimme der Empörung. Er nennt ihn einen Judas Ischariot; er stellt Debrois schroff vor die Entscheidung: ich oder Kuh, worauf Debrois auf Kuhs Seite tritt. Gleichwohl dürften auch bei Hebbel Stunden der Selbsterkenntnis nicht gefehlt haben, in denen er einsehen mochte, daß er in seinen Forderungen vielleicht doch zu weit gegangen sei, daß er Kuh nicht allein verantwortlich machen dürfe für Wandlungen, wie sie das Leben mit seinen stets erneuerten: Verhältnissen heraufgeführt hatte. Es ist zu bemerken, daß Kuh und Hebbel sich nicht etwa in Todfeindschaft trennten. Noch im August 1862 konnte der mit der Herausgabe seines Dichterbuchs aus Österreich beschäftigte Kuh seinen Meister Hebbel mit bestem Erfolg um Beiträge angehen, und der hieran sich knüpfende Briefwechsel verlief in würdiger, fast herzlicher Form. Vier Jahre sahen sich die beiden Männer nicht mehr. Selbst vor der von den Frauen angebahnten und erstrebten Aussöhnung mit dem todkrank darniederliegenden Hebbel schwankte Kuh lange, sein Herz „schwieg beharrlich", und wenn es nach dem unverantwortlichen Rat Hieronymus Lorms gegangen wäre, so wäre diese Aussöhnung tatsächlich unterblieben. Daß diesmal die Liebe zu dem sterbenden Hebbel, zu der er sich nicht bekennen wollte und die er in seiner Biographie Hebbels so ergreifend bekannt hat, den Trotz der Gekränktheit überwand, ist ein Glück für sein Andenken. Leider fehlt uns der Brief, in dem er Frenzel über diese letzte Unterredung berichten wollte. Nach Hebbels Tode war Kuhs ganzes Leben ein Dienst an seinem Andenken. Er wurde 1862 Redakteur und Theaterreferent der Wiener „Presse" und erhielt 1864 die Professur für deutsche Literatur an der Wiener Handelshochschule. Von 1865—67 veranstaltete er bei Campe die erste Gesamtausgabe der Werke Hebbels. 1867 begann die Arbeit an der Biographie, die nun im Mittelpunkt seines Lebens und Strebens stand. Aber schon Ende 1869 meldeten sich die Vorboten der schnell fortschreitenden tödlichen Krankheit, der Schwindsucht. Kuh mußte allen beruflichen Bindungen entsagen und lebte mit den Seinen wechselnd in Meran, in Neapel, auf Capri, an mehreren Stätten des südlichen Tirol. Überallhin begleitete ihn die Arbeit an der Biographie. Frenzel mahnt den kranken Freund, sich nicht zu übernehmen, seine Kräfte zu schonen. Er habe, erwidert Kuh, sein ganzes inneres Leben, sein Ich an dies Werk gesetzt. „Hebbels Biographie ... nicht schreiben ... wäre mir gleichbedeutend mit dem Bestreben, meine innersten Lebensprozesse zu durchschneiden." Ein schweres Verhängnis vergönnte ihm die Vollendung seines Werkes nicht. Am 30. Dezember 1872 ist Kuh, noch nicht fünfzigjährig, in Meran gestorben. Noch vom Krankenbette aus — auch das ist Heldentum — hatte er sich an den Schreibtisch führen lassen. Schicksalhaft mutet 79

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