Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1935)
- Article
- Ekklesia und Synagoge
- Date
- 1935-05-01
- Page
- 66 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Paul Woklfarth geben, die, bei gleichzeitiger Übertragung des erotischen Affekts auf das Verhältnis zum Oberirdischen, das Kennzeichen des hochgotischen Stils ist. Diese Idee der Weiblichkeit finden wir nun vor allem in den Bamberger Standbildern verkörpert, und von hier aus ist es gerade jenes zarte Frauenlächeln auf den Lippen der Synagoge, das jenem Ideal noch näher kommt als die nicht weniger schöne und reizvolle, aber ernstere, in sich versunkene Ekklesia. Diese Bevorzugung ist kein Zufall. Nicht wenige, darunter hervorragende Kenner, erblicken in den Bamberger Figuren die edelste Darstellung des Paares. Wir können dem nicht folgen, uns scheint die Ekklesia und Synagoge am Straßburger Münster noch höher zu stehen, ja überhaupt den Gipfel mittelalterlicher Plastik zu bilden. Zunächst finden wir auch hier jenes Kennzeichen des Bamberger Stils, die zarten, dünnen Gewänder, die die Glieder klar hervortreten lassen. Aber während es in Bamberg kräftige Gestalten von ausgesprochen fraulicher Fülle sind, die wir bewundern, hat der Straßburger Meister schlanke, feingliedrige Leiber geschaffen, deren herbe und doch bestrickende Jungfräulichkeit unserem Schönheitsideal doch in noch höherem Grade entspricht Vor allem ist aber der geistige Gehalt des Werkes bedeutender. Denn in Straßburg ist wieder der Gedanke des Streitgesprächs aufgenommen; allerdings auf einer ungleich höheren Ebene als in Reims. Versuchen wir die Situation nachzuerleben, in der die beiden Frauengestalten, jetzt wieder wirkliche Gegnerinnen, in diesem religions- und ideengeschichtlich einmaligen Augenblick einander gegenüb erstehen. Die Synagoge, eben noch der Ekklesia entgegenschreitend, ist plötzlich von einer überirdischen Macht, ausstrahlend von dem emporgehaltenen Glaubenskelch der Gegnerin, angehalten und besiegt worden. Noch ist ihr linkes Bein wie zum Angriff vorgesetzt, aber der Oberkörper weicht schon zurück und ist in den Hüften leicht gedreht, als wenn er sich voll tiefen seelischen Schmerzes in der Niederlage winde. So sind auch die entgleitenden Gesetzestafeln, der geknickte Speer keine gleichgültigen Attribute mehr: dieselbe Gewalt, die die Trägerin selbst besiegt, hat auch ihre Macht gebrochen. Was ist das alles aber gegen das edle Haupt, das sich in rührender, von der hauchzarten Binde mehr betonter als verhüllter Trauer und Scham senkt und zugleich abwendet. Die Augen sind niedergeschlagen, die leicht geöffneten Lippen scheinen in verhaltenem Weinen zu zucken. Die Plastik aller Länder und Zeiten hat nichts Ergreifenderes geschaffen. Daß die seelische Bewegtheit von unten nach oben immer stärker wird, verleiht der Gestalt trotz des gesenkten Hauptes jenen Eindruck des Schwebens, der das Wahrzeichen der Gotik ist. Gewiß ist mit Recht darauf hingewiesen worden, daß rein anatomisch die Haltung der Synagoge recht unwahrscheinlich ist. Doch wir haben es hier mit einer 66