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Der Morgen · 1935-05-01 · Heft 2 (Mai 1935) · p. 65

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 2 (Mai 1935)
Article
Ekklesia und Synagoge
Date
1935-05-01
Page
65 (sequence 3)
Language
German
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Ekklesia and Synagoge Glaubenskelch in ruhiger, leidenschaftsloser Siegesgewißheit, streng auf die überwundene Gegnerin herabblickend- Die biegt im Vorwärtsschreiten den Oberkörper zurück, als sei ihr plötzlich Halt geboten. Die Krone gleitet ihr vom Haupt, die verbundenen Augen verdecken doch nicht das Starre, Unversöhnliche der Gesichtszüge, das noch durch die trotzig vorgeschobene Unterlippe verstärkt wird. Die Vorliebe des Künstlers gehört also unverkennbar der Ekklesia. Aber das ist nicht das Wesentliche. Es sind zwei wunderbare Frauengestalten, die hier geschaffen wurden, voll sinnlichen Reizes, die bei aller Zugehörigkeit zur Gotik doch, wohl byzantinischen Einflüssen folgend, den Vergleich mit den besten griechischen Bildwerken nicht zu scheuen brauchen. Der freie aufrechte Wuchs, die edlen, wohlabgemessenen Proportionen, die Lebendigkeit der Körper, die durch die verhüllenden Gewänder und deren Faltenwurf noch gesteigert wird, lassen es vergessen, daß dieser Meister aller anatomischen Kenntnisse bar, dem Nackten fremd war. Diese sinnliche Schönheit ist in Bamberg womöglich noch gesteigert. Zunächst sind die dicken Gewänder, die das Reimser Paar trägt und die seine monumentale Wirkung ganz besonders heben, hier durch dünne, zarte Stoffe ersetzt, die den Reiz des Körpers noch stärker hervortreten lassen. Dann ist aber der Gedanke des Streitgesprächs völlig aufgegeben. Zwar tragen beide Gestalten noch die Attribute, die ihnen die Kunst des 13. Jahrhunderts gab: die Ekklesia eine Krone — Glaubenskelch und Kreuzstab sind wohl mit den abgeschlagenen Händen entschwunden —, die Synagoge die verhüllende Binde, den gebrochenen Speer und die entgleitenden Gesetzestafeln. Aber wie Pinder überzeugend auseinandersetzt: der Zusammenhang zwischen ihnen ist gesprengt. Das Antlitz der Synagoge, durch die dünne Binde kaum verhüllt, zeigt nichts mehr von jener trotzigen Starrheit, die wir von Reims her kennen, ja ein leichtes Lächeln umspielt die Lippen, so daß sie unbedingt heiterer erscheint als die ernstere Ekklesia. Man könnte vielleicht auf den Gedanken kommen, daß diese Heiterkeit nichts anderes sei als Verblendung noch in der Niederlage. Wie ganz anders aber mittelalterliches Denken dieses Motiv gestaltet hat, zeigen die ausgesprochen drastischen Züge der törichten Jungfrau in Straßburg, der der Fürst der Welt den Apfel reicht. Das Lächeln: der Bamberger Synagoge aber ist edel, ja adlig. Damit stimmt auch überein, daß ihr die hinabgleitende Krone, das Attribut der Niederlage, fehlt, das ihr noch der Reimser Meister gegeben hatte. Keine Gegnerinnen sind es mehr, die sich feindlich gegenüberstehen, sondern zwei vollendet schöne Frauengestalten. Aber auch damit ist das Wesentliche noch nicht getroffen. Wie Jantzen überzeugend ausführt, war es das Mittelalter, das die Frau als geistiges Wesen entdeckt hat. Aber erst das dreizehnte Jahrhundert hat ihrer Erscheinung auch jene sinnliche Fülle des Lebens ge- 65

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