Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1935)
- Article
- Ekklesia und Synagoge
- Date
- 1935-05-01
- Page
- 67 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895539-2895542-2904928--07938-2904983- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ekklesia und Synagoge Alisdruckskunst von unerhörter Genialität zu tun, die sich über die Gesetze der Anatomie hinwegsetzen durfte, weil sie einen Ideengehalt in vollendeter innerer Wahrheit zu gestalten wußte. Ist es ein Irrtum, wenn wir auch auf dem Antlitz der Siegerin einen Abglanz jener Ergriffenheit zu verspüren glauben, die uns im tiefsten erfaßt? Freilich, die Gewißheit des Sieges ruht auf ihren Zügen; fest und selbstbewußt steht sie da, und der gerade herabfallende Mantel, ja noch der Faltenzug zwischen den Beinen, verstärkt die Senkrechte, gegenüber der gebrochenen Linie der Synagoge das Abbild des Sieges. Aber den in Reims noch erhobenen Glaubenskelch, dessen Glanz die Gegnerin vernichtet, hat sie nun wieder gesenkt, als wolle sie die Besiegte nicht noch tiefer zu Boden zwingen, und auch das Haupt ist ganz leicht, wie in Mitgefühl, geneigt, der Blick weicher als wir es von Reims her gewohnt sind. Über die Jahrtausende hinweg stößt die Erinnerung auf jene unvergänglichen Verse, da Priamos von Achill den Leichnam des gefallenen Sohnes zurückerbittet. Gewiß, es sind symbolische Gestalten, die wir in Straßburg bewundern, und jene ungeheure Lebendigkeit, der bei aller Monumentalität packende Realismus, der etwa den Naumburger Stifterfiguren innewohnt, ist hier nicht zu spüren. Aber es ist nur ein anderes, kein schwächeres Leben, das Ekklesia und Synagoge erfüllt. Daß sich dieses Leben zu echter Dramatik, ja, den Sinn des Streitgesprächs aufs äußerste verfeinernd, zu wahrer Tragik gesteigert hat, gibt diesen Figuren wohl doch den Vorrang vor ihren Bamberger Geschwistern. In einem freilich stimmen alle Beurteiler überein: daß in Bamberg wie in Straßburg die Synagoge künstlerisch noch höher steht als die Ekklesia. Das ist kein Zufall, sondern im tiefsten Wesen der deutschen Kunst überhaupt begründet. Pinder hat diesen Gedanken, allerdings nur für Bamberg, überzeugned so formuliert: „Die deutsche Kunst des dreizehnten Jahrhunderts hatte einen ganz bestimmten Bevorzugungstrieb. Die Propheten sind ihr lieber als die Apostel, die Synagoge ist ihr lieber als die Ekklesia. Apostel und Ekklesia haben gesiegt, sie sind und gelten und repräsentieren. Sie konnten vor allem die Franzosen darstellen. Was aber wird, was verspricht, was, wie die Synagoge, untergeht, was sich mehr sagen läßt, das umfaßt die deutsche Plastik mit heißer Leidenschaft. Das ist ein Zug der geistigen Gesamtgeschichte Deutschlands, der sehr viele Gefahren und einige sonst nirgends als in Deutschland erfüllte größte Aussichten bietet." Kein Zweifel, in der Straßburger Synagoge finden wir diese Aussicht im höchsten Sinne erfüllt. Uns Lebenden aber sollte es zu denken geben, daß das Schönste vielleicht, was deutsche bildende Kunst geschaffen, eine Frauengestalt ist, die unseren Glauben verkörpert. 67