Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1935)
- Article
- Ekklesia und Synagoge
- Date
- 1935-05-01
- Page
- 64 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Paul Woklfartk sehen werden, von diesem Geiste frei, und es handelt sich bei jener Teufelsszene sicher nur um eine Werkstattarbeit, die den im christlichen Abendlande damals herrschenden Anschauungen Rechnung trug. In die Monumentalplastik gelangte die Darstellung des Streitgesprächs erstmalig im späteren zwölften Jahrhundert. Das älteste uns bekannte Paar finden wir im Querschiffportal der Kathedrale zu Bourges. Aber schon im dreizehnten Jahrhundert tritt es an vielen Stellen auf, immer als Außenschmuck: in der Vorhalle des Domes zu Magdeburg, am Hauptportal der Liebfrauenkirche zu Trier, am Westtor des Freiburger Münsters, an der Fassade der Reimser Kathedrale beiderseits neben der Rose, am Fürstenportal des Bamberger Doms, am Südportal des Straßburger Münsters. Auch an der Kathedrale von Chartres fehlte sie unter den Tausenden von steinernen Gestalten, die diese Kirche schmücken, natürlich nicht. Aber in der französischen Revolution hat eine fanatisierte Volksmenge beide, Ekklesia und Synagoge, zu Schotter geschlagen, ein unersetzlicher Verlust, der auch dem Straßburger Paar drohte, als St. Just am 24. November 1793 die Zerstörung der Steinfiguren befahl, „die den Tempel der Vernunft umgeben". Wir verdanken ihre Rettung einem braven Schornsteinfegermeister. Gerold, der, damals Polizeichef, es wagte, dem Zerstörungsbefehl eines St. Just zu trotzen und die großen Figuren der drei Portale vor der Wut des Pöbels in den Keller des Liebfrauenstifts zu retten*). Von allen diesen Darstellungen sind es nur die zu Reims, Bamberg und Straßburg, die uns im Innersten zu ergreifen vermögen. Die anderen erheben sich nicht über den Durchschnitt des handwerksmäßigen Könnens jener Zeit, mag dieses auch auf einer für unsere Vorstellungen unerhörten Höhe gestanden haben. Aber diese drei Paare, besonders die zu Bamberg und Straßburg, heben sich doch so hoch heraus, daß viele in ihnen überhaupt den Gipfel der mittelalterlichen Büdhauerei erblicken. Das Reimser Paar sei hier deswegen besonders hervorgehoben, weil der Meister der Bamberger Ekklesia wohl selbst in Reims gearbeitet und dort entscheidende Eindrücke gewonnen hat, wie man auch für den Bildner der Straßburger Ekklesia einen entsprechenden Einfluß von den Arbeiten der Kathedrale von Chartres annimmt. Doch soll und kann hier des näheren auf das schwierige, immer wieder beleuchtete und umkämpfte Problem des Zusammenhangs von deutscher und französischer Plastik im dreizehnten Jahrhundert nicht eingegangen werden. Von den drei Paaren, die hier in aller Kürze geschildert und verglichen werden sollen, hält das zu Reims den Grundzug des Streitgesprächs noch fest. Die Ekklesia steht mit erhobenem *) Rod. Reuss, Histoire de Strasbourg, Paris 1922, S. 364. 64