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Der Morgen · 1935-05-01 · Heft 2 (Mai 1935) · p. 63

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 2 (Mai 1935)
Article
Ekklesia und Synagoge
Date
1935-05-01
Page
63 (sequence 1)
Language
German
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Paul Wohlfarth: Ekklesia and Synagoge In der überströmenden Fülle steinerner Gestalten, mit denen der fromme Sinn des Mittelalters seine Kirchen schmückte: Heilige und Engel, Fürsten und Bischöfe, Propheten und Apostel, Christus und Maria, kluge und törichte Jungfrauen, Adam und Eva, Stammväter, Jahreszeiten, Tugenden und Laster, nimmt ein Symbolpaar eine besondere Stellung ein: Ekklesia und Synagoge, alter und neuer Glaube. Denn obwohl die Bildwerdung dieser beiden Welten in zwei Frauengestalten, der Sieg der einen, die Niederlage der andern gerade dem Geiste des Mittelalters zu entsprechen scheint wie kaum sonst ein Motiv künstlerischen Schaffens, so ist es doch vor allem die Wandlung des künstlerischen und, wie wir wohl behaupten können, des religiösen Ethos, die wir binnen weniger Jahrhunderte in der Darstellung jenes Paares feststellen müssen. Die Worte, die über dem Straßburger Paar stehen, deuten, wenn auch lange nach dessen Aufstellung angebracht, den Ursprung an, dem es entstammt: Mit Christi Blut überwind* ich dich (Ekklesia). Dasselbige Blut erblendet mich (Synagoge). Es ist ein Streitgespräch, das fälschlich dem heiligen Augustinus zugeschrieben wurde. Schon früh ging dieses Streitgespräch in die geistlichen Spiele und schließlich in die bildende Kunst, zuerst in die Kleinplastik des Mittelalters über. Aber es war ausschließlich die Verachtung des Judentums, die in jenen frühen Jahrhunderten zum Ausdruck kam und im Vergleich zu dem jene Worte am Straßburger Münster noch eine Abgeklärtheit und Milde zeigen, wie sie selbst dem zwölften Jahrhundert nicht möglich gewesen wäre. Mit allen Mitteln der Geringschätzung und des sieghaften Übermuts wurde die Unterlegene dargestellt. Noch in der Fassung eines Glasfensters in der Kathedrale von Chartres aus dem frühen 13. Jahrhundert schießt ihr ein Teufel ein Auge aus, und selbst auf dem Höhepunkt der gotischen Kunst klingt diese Stimmung, wenn auch an peripherer Stelle, noch nach: am Stützpfeiler der Bamberger Synagoge ist ein Jude mit dem Spitzhut, der Judentracht jener Zeit, dargestellt, dem ein herabgleitender, an den Beinen geflügelter Teufel den Kopf zurückbiegt und mit scharfer Kralle ein Auge aussticht. Aber freilich, der große Künstler, der dort die Ekklesia und Synagoge geschaffen, war, wie wir bald 63

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