Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1935)
- Article
- Eine Forderung: Wissenschaft!
- Date
- 1935-05-01
- Page
- 51 (sequence 3)
- Language
- German
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Eine Forderung: Wissenschaftl Deshalb muß notwendig die Stätte der Lehre eine Stätte der Forschung sein, wenn sie der Wissenschaft, echter Wissenschaft, die nach Kant der unvermeidliche Weg zur Weisheit ist, dienen will. Dann erst ist auch die Arbeit der Volksbildung fruchtbar, wenn ihr die Hochschule die Forschung abnimmt. Ist aber — wie bei uns — keine Hochschule da, welche die breite Bildung trägt, sie organisiert und systematisiert, dann muß die führende geistige Schicht auf diesen notwendigen Ausgleich bedacht sein. Utopische Pläne verbieten sich von selbst; an den Aufbau eines eigenen Universitätssystems können wir vorderhand nicht denken. Möglich und dringlich jedoch ist die Begründung einer jüdischen wissenschaftlichen. Gesellschaft, die, nach Art der Akademien in verschiedene Klassen gegliedert, alle in Frage kommenden Wissenschaftler zusammenfassen soll. Sie hat die Aufgabe, neben der Akademie für die Wissenschaft des Judentums, die ihr Gebiet auf judaistische Gegenstände beschränkt, allgemein wissenschaftliche Arbeiten in Angriff zu nehmen. Welche dieser Arbeiten vordringlich sind, wird sich sehr schnell herausstellen. Der einzelne Gelehrte zwar — so heißt es — ist von den mannigfachen Pflichten, die er zu tragen hat, für eigene wissenschaftliche Arbeit zu belastet; aber dann muß diese Arbeit eben möglich werden in der Gemeinschaft seiner Fachgenossen, wenn — wie es Übung in wissenschaftlichen Gesellschaften ist — Referat, Diskussion und Veröffentlichung die eigene Produktion anregen und erzwingen. Und der Austausch von Disziplin zu Disziplin wird sich ausrunden zu dem Zusammenhang lebendiger Erkenntnis, aus dem heraus allein die Verbindung zur europäischen Kultur aufrechterhalten und eine neue Begegnung mit ihr vorbereitet werden kann. Welche Fachgebiete die Gesellschaft einbeziehen muß, werden erste, vorbereitende Gespräche klären. Man wird zunächst an einzelnen Persönlichkeiten, deren Leistungen auf ihrem Fachgebiet hervorragen, nicht vorübergehen dürfen, wenn sie heute noch an der Peripherie eines jüdisch zentrierten Lebens stehen. Und es liegt weiterhin in der Natur der Sache selbst, daß auf geeignete Weise der wissenschaftliche Nachwuchs an der Arbeit beteiligt werden muß. Ja, gerade die Frage der Heranbildung eines wissenschaftlichen Nachwuchses kann bei der augenblicklichen Lage der Dinge zu einer wichtigen Aufgabe der Gesellschaft werden. Gleich- 51