Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1935)
- Article
- Eine Forderung: Wissenschaft!
- Date
- 1935-05-01
- Page
- 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Eine Forderung: Wissenschaß! unseres Seins zu hören, die Lösung des Problems, zu dem wir geworden sind? Glaubt man wirklich, daß auf dem sterilen Boden mechanischer Wissensaneignung ein Judentum wachsen soll, ohne die quellenden Säfte aus den Wurzeln, zu denen man nicht hinabsteigt? Und wird die im Grunde theologischeWissenschaft des Judentums der Forderung unserer Zeit gerecht, wenn sie nicht wieder hineinführt in den Zusammenhang dieser Zeit und dieser europäischen Welt? Aber dazu gehört, daß dieser Zusammenhang gewollt, gesehen, wissenschaftlich ergründet wird, aus seinen Quellen heraus, in seine Strukturen hinein und von unserem jüdischen Blickpunkt her. Wer soll uns eigentlich diese Arbeit abnehmen? Auf wen warten wir? Ist all unsere praktische Betriebsamkeit nicht Flucht vor dieser Verantwortung? Welche Qual, so muß man fragen, leiden unsere Gelehrten, die man in diesem Bildungsbetrieb verwendet, wenn sie auf Fragen, die ihnen unter den Nägeln brennen, keine Antwort geben dürfen, weil die Anforderung des Tages ihnen keine Stunde fruchtbarer Überlegung gönnt? Verlangt man schon von ihnen als tägliche Beschäftigung die Popularisierung ihres Wissens, so bedeutet das die beginnende Verflachung. Erstarrung aber tritt ein, wenn man sie nicht anhält, ihnen keine Gelegenheit gibt, mit methodischer Strenge ihr Tun und auch die Inhalte ihres pseudo-wissenschaftlichen Tuns zu überprüfen. Vorläufig geben sie uns von ihren Erkenntnissen, von Früchten ihrer Gelehrtenarbeit einer ehemals stillen Zeit. Aber nicht lange, und sie werden sich ausgegeben, haben. Nicht lange mehr, und die allgemeine Wissenschaft hat sie weit hinter sich zurückgelassen, ihnen bleiben tote Formeln, die nichts erklären. Wissenschaft ist Lehre und Forschung, weil sie ein lebendiger Organismus ist, Wissenschaft fordert in der Lehre die Weiterforschung, in der Forschung die Wiederlehre. Nur das Unwissenschaftliche darf sich dieser Forderung entziehen. Das ist das Geheimnis der Pädagogik: im Lernenden die schöpferische Kraft zu entfalten, das Lebendige im eigenen Geiste auf den Geist des anderen zu übertragen, zurückwirken zu lassen auf sich das Erwachende, Fragende im Schüler, mit ihm gemeinsam, und doch jeder auf seine Weise, die Qual im Kampf um Erkenntnis zu leiden, die endliche Lösung als individuelle Erlösung zu erleben, getrieben von jenem Eros der Wissenschaft, der als Daimonion den menschlichen Geist immer vorwärts treibt. SO