Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1935)
- Article
- Eine Forderung: Wissenschaft!
- Date
- 1935-05-01
- Page
- 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Eine Forderung: Wissenschaftl zeitig wird damit ein anderes Problem — die Entlastung der führenden Köpfe — durch das Heranziehen einer wissenschaftlichen Assistenz mindestens teilweise erleichtert werden. Führend aber sollen jene Persönlichkeiten sein, in denen die Problematik des jüdischen Seins sich immer wieder zu der Grundfrage erhebt, deren Dynamik jede Spezialarbeit zur Antwort werden läßt. Wer den wissenschaftlichen Eros in seiner Brust einmal kritisch überprüft, der kennt die natürlichen Grenzen der Wissenschaft: die Schau mystischer Intuition und die überspitzte Formel rationalistischer Errechnung. Der sieht auch noch in Wissens chaftsabgewandten Zeiten die dialektische Bewegung und dahinter das Wesenhafte: den Trieb, der vorwärts gerichtet erkennen und aus der Erkenntnis des Einzelnen das Ganze gestalten will. Ohne den Zug zur Totalität wird die Idee nicht zum Ideal, die Konzeption nicht zur Weltanschauung. In Zeiten wie den unsrigen muß aus dem Erleben notwendig ein neues Weltbild erstehen, aber wir haben noch nichts getan, um wissenschaftlich diese neue Wendung vorzubereiten. Wir nehmen nur, was Einzelne früher erarbeitet. Wir nehmen es ohne Verlangen nach vorwärts, das immer Verlangen nach Vertiefung ist. Wir glauben durch die Menge und Vielfalt des Stoffes Tiefe und Einheit zu ersetzen. Was geschehen kann und geschehen soll? Besinnung auf die Forderungen der Wissenschaft Besinnung darauf, daß die wissenschaftlichen Voraussetzungen immer wieder geschaffen, immer wieder geprüft werden müssen von denen, die uns das Wissen vermitteln. Daß dieses Wissen lebendig bleiben muß, in Entwicklung, im Zusammenhang mit der einen großen allgemeinen Wissenschaft. Daß vieles von uns neu zu sehen ist, weil wir gelernt haben, anders in die Welt zu blicken: so gerade jene Güter abendländischen Geisteslebens, die uns jetzt um so ferner rücken, je selbstverständlicher sie uns vorher schienen, auf die zu verzichten für uns der Tod aller Wissenschaft, ja geradezu Selbstaufgabe wäre. Wir müssen klären, um zur Klarheit zu dringen, in Frage stellen, um antworten zu können. Jetzt und hier. Jeder neue Tag stellt uns neue Aufgaben. Die Aufgabe des Tages aber will gemessen sein an jenem ewigen Maßstab, der uns Menschen durch Vernunft und Wissenschaft gegeben ist Gegeben, damit wir ihn gebrauchen. 52