Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 1 (April 1935)
- Article
- Das Emanzipationsproblem vor 50 Jahren
- Date
- 1935-04-01
- Page
- 40 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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aufgehen müßten, wenn die jüdische Frage gelöst werden solle. Treitschkes Fakultätskollege Theodor Mommsen schrieb eine Antwortschrift „Auch ein Wort über unser Judentum", in der er sich im Grunde nur durch den milderen Ton von Treitschke unterscheidet, im übrigen aber zu den gleichen Folgerungen kommt. 1885 gesellte sich beiden noch der Philosoph des Unbewußten, Eduard von Hartmann, hinzu, der in einer größeren Arbeit „Das Judentum in Gegenwart und Zukunft" die gleichen Ansichten vortrug. Ranke hat über seine Haltung nichts veröffentlicht, aber aus seinem Tagebuch wissen wir nun, daß sich seine Meinung in nichts von der der anderen Gelehrten unterschied. Ja, man könnte sogar bei ihm eine noch schärfere Haltung gegenüber der Emanzipation konstatieren als bei Treitschke. Während nämlich Treitschke, wie wir sahen, gegen die Zurücknahme der Emanzipation war, schien Ranke hierin radikaler zu denken; er sieht in der ganzen Sache nur eine „legislative Frage", bei der ihm nicht verständlich ist, weshalb die Menschen sich so sehr darüber aufregen. Auf den lebhaften Streit anspielend, schreibt er: „Hierüber ist ein kleiner Sturm ausgebrochen, in welchem man sogar von der Vertreibung der Juden zu reden angefangen hat, während doch nur von einer Beschränkung der ihnen durch die neueste Legislation erteilten Rechte die Rede sein konnte. Aber auch diese Beschränkung ist der anderen Partei als eine Art Attentat gegen die allgemeine Freiheit erschienen." Auf der anderen Seite äußert Ranke seine Hochschätzung der Juden, die er persönlich kennen gelernt hatte: „Aber wie könnte ich der trefflichen Juden, die mir bekannt geworden sind, vergessen. Ich erwähne nur Mendelssohn-Bartholdy, der mir als der beste von allen erschienen ist; oder auch der Zuhörer jüdischer Nation, die meinen Vorlesungen gefolgt sind." Eine andere Tagebucheintragung Rankes zeigt, daß er allerdings die Judenfrage in weiterem Rahmen zu sehen suchte, als es seine Zeitgenossen taten. Am 24. Januar 1881 berichtet er von einem Gespräch mit dem Prinzen Albrecht, wobei die Rede auf Rankes Weltgeschichte kam. „Besonderen Eindruck hatte die Verbindung der jüdischen Geschichte mit der allgemeinen auf ihn gemacht. Man hatte ihm gesagt, sie seien eben nicht vereinbar." Diese Äußerung beweist vor allem die geringe Kenntnis der Umwelt in der jüdischen Frage, die man eher als eine Art Kuriosum betrachtete denn als geschichtliches Problem. Die Antwort der Juden auf die Angriffe beschränkte sich darauf, ihre Loyalität zu beteuern. Aber die Partner sprachen aneinander vorbei. Die Diskussion versickerte auch sehr schnell, und die Juden glaubten die Emanzipation am besten beim Staat, bei den Gesetzen und beim „Fortschritt" des Geistes aufgehoben. Es war eine falsche Voraussetzung. Die Lehre, die wir aus jener Zeit ziehen müssen, besagt eindeutig: die wahre Emanzipation wird nicht durch Gesetzesakte vollzogen, sondern durch das Volksbewußtsein. Vermag das Volk zunächst innerlich nicht das Gesetz zu verwirklichen, so bleibt kein anderer Weg, als durch allmähliche Annäherung an die Volksseele die psychologischen 40