Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 1 (April 1935)
- Article
- Das Emanzipationsproblem vor 50 Jahren
- Date
- 1935-04-01
- Page
- 39 (sequence 1)
- Language
- German
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Das Emanzipationsproblem vor 50 Jahren Die Epoche der achtziger Jahre ist bisher viel zu wenig als das gewertet worden, was sie tatsächlich war: der Beginn vom Ende der Emanzipation. Heute, aus einer weiteren Perspektive, vermögen wir zu erkennen, daß die scheinbare Ruhe, die auf den Sturm der achtziger Jahre gefolgt war, in Wirklichkeit eine Selbsttäuschung war. Die Juden jener Zeit haben die Volksstimmung und die inneren Grundlagen der Emanzipation falsch beurteilt; sie haben geglaubt, allein unter dem Schutz der Gesetze — d. h. ohne echte Einbettung in das Volksbewußtsein — ihr Leben gestalten zu können. Warnungen vor der Katastrophe wurden in den Wind geschlagen. Man könnte dies Kapitel überschreiben: Die Emanzipation oder der sorglose Jude. Die achtziger Jahre zeichnen sich nicht nur durch ihren Vulgärantisemitismus aus, sondern sie sind noch viel mehr charakterisiert durch die Stellung des geistigen Deutschlands zu den Juden. Durch eine vor kurzem erfolgte Entdeckung wird unser Blick wieder auf diese Zusammenhänge gelenkt. In der „Historischen Zeitschrift" (Band 151, Heft 2) werden einige im Nachlaß Delbrücks aufgefundene Tagebuchblätter Rankes aus dem Jahre 1881 veröffentlicht, die sich zum großen Teil mit der Judenfrage beschäftigen. Durch diese Veröffentlichung wird uns — da bisher die Stellungnahme Rankes nicht bekannt war — besonders klar, daß es so etwas wie eine einhellige Meinung unter den führenden Geistern gab. Man wird Ranke gewiß nicht den Vorwurf der Voreingenommenheit oder der mangelnden Objektivität machen können — und er kommt dennoch zu einem absprechenden Urteil über den Wert der Emanzipation. 1869 war der Emanzipationsakt gesetzlich vollzogen worden; und schon im Anfang der siebziger Jahre erhielt die Emanzipation ihre ersten Stöße, als die Juden nämlich während der „Gründerepoche" in einer für das Volksempfinden zu raschen und impulsiven Form in das Wirtschaftsleben hineindrängten. Es kam zu zahlreichen Mißverständnissen und Feindschaften, und es bahnte sich schließlich die Entwicklung an, die ihren ersten Ausdruck in der „Förster-Petition" fand; sie richtete an die Regierung die Forderung der Ausschließung der Juden aus den öffentlichen Ämtern und der Sperrung der Grenzen im Osten. Dieser politischen Demonstration verlieh der Berliner Historiker Heinrich von Treitschke stärkste Unterstützung durch seine Aufsätze „Ein Wort über unser Judentum", die er in seinen „Preußischen Jahrbüchern" 1880 (kurz vor Überreichung der Petition) erscheinen üeß. Bei aller Schärfe übrigens, mit der sich Treitschke gegen die Juden wandte, war er doch bezeichnenderweise nicht gegen die Emanzipation. „Von einer Zurücknahme der Emanzipation", so schreibt er, „kann unter Verständigen gar nicht die Rede sein; sie wäre ein offenbares Unrecht, ein Abfall von den guten Traditionen unseres Staates, und würde den nationalen Gegensatz, der uns peinigt, eher verschärfen als mildern." Als Folgerung bleibt für ihn nur übrig, daß die Juden restlos im deutschen Volke 39