Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 1 (April 1935)
- Article
- Das Emanzipationsproblem vor 50 Jahren
- Date
- 1935-04-01
- Page
- 41 (sequence 3)
- Language
- German
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Voraussetzungen für eine Verständigung zu schaffen. Daß jene Generation im Sturmtempo die Emanzipation durchzuführen suchte, ist verständlich — und Ranke verstand es auch. Aber das Ziel wurde auf diese Weise nicht erreicht, sondern es wurde nur jene Entwicklung begünstigt, deren Kulmination wir selbst in diesen Jahren erfahren haben. Gerhardt Neumann Mächte der Verweltlichung und Entgöttlichung in der judischen Welt Ein Beitrag zur Frage „Kultur und Religion" Keinerlei Zustände der Vergangenheit können nach der landläufigen Meinung, was die Ausmaße der Verweltlichung und die Selbstverständlichkeit des Gottgelöstseins betrifft, dem an die Seite gestellt werden, was die säkularisierte Kultur der Gegenwart aufweist. In den Zuständen der Vergangenheit, besonders in der antiken Epoche sind allerdings überhaupt kaum Lebensgebiete zu entdecken, die nicht religiös geordnet waren. Trotzdem wäre es verfehlt, deswegen das Phänomen des Verweltlichungsvorgangs sowie des religiös neutralen Zustandes auf die späteren europäischen Epochen zu beschränken. Ein tieferes Eindringen in die allgemeine Natur des „Säkularisationsprozesses" wird vielmehr eine in allen überblickbaren Epochen existierende Neigung zum „Abfall von Gott", zum mindesten zu einem still wirkenden Bedeutungswandel heiliger Vorgänge, Handlungen und Gegenstände, eine Neigung zu einem natürlichen sich periodisch wiederholenden Absinken und Matterwerden von Heiligkeitsvorstellungen und Traditionen vom Überweltlichen feststellen. In der Wissenschaftsgeschichte pflegt man die „Säkularisation" als eine, die moderne Welt heraufführende, einmalige Zeiterscheinung zu betrachten. So hat schon 1916 J.N. Figgis in seinem weitwirkenden Werk „From Gerson to Grotius" die „Säkularisation" der politischen Theorie als die große einschneidende Wandlung beschrieben, die Mittelalter von Neuzeit trennt. Die Vernunft setzt sich an die Stelle der Offenbarung: die Zweckmäßigkeit, nicht mehr die religiöse Autorität entscheidet für den Fortbestand politischer Einrichtungen und Verhaltungsweisen. Die Religion hört auf, das beherrschende Interesse der Menschheit zu sein, sie schrumpft zu einer konventionellen Allüre des bürgerlichen Wohlanstands zusammen, wird jedenfalls zu einem begrenzten Bezirk des Lebens, den nur „Fanatiker" oder „Narren" überschreiten. Die „Säkularisation" unseres gesamten Sozial- und -Wirtschaftsdenkens ist oft dargestellt worden: Politik, Wirtschaft und geistiges Leben verselbständigen sich, die frühere untrennbare Einheit löst sich in ihre Elemente auf: Politik — Wirtschaft — Geistiges Leben. Jedes beginnt ein Eigenleben, gehorcht anderen, angeblich „immanenten" Gesetzen, in Wahrheit oft Nützlichkeitsrücksichten und Zweckmäßig- 41