Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 1 (April 1935)
- Article
- Der Künder der Humanität
- Date
- 1935-04-01
- Page
- 18 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895539-2895541-2904840--07866-2904888- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Felix Hirsch Friedländer, der zähe Verfechter der Emanzipation; auch ihm ist Humboldt damals nahegekommen. Mochten ihre Wege sie später noch so weit auseinanderführen, so hat der Schloßherr von Tegel — getreu seinem Wort, daß er „die Jugendbekannten und die Juden nie verlasse" — ihm bis ins Alter manche Beweise seiner Wertschätzung gegeben. Während Markus Herz und seine Freunde den Berliner Rationalismus vertraten, neigte die viel jüngere Henriette mehr den klassischen Dichtern zu. Doch dies feinere Gefühl für die höchsten literarischen Werte ist nicht der Hauptgrund für die Rolle, die sie im Leben Humboldts gespielt hat. Die blendend schöne, geistig so bewegliche Henriette Herz war die erste Frau, der Wilhelm, aus dem elterlichen „Schloß Langeweile" kommend, nähertreten durfte; sie wurde, wie Eduard Spranger, der treffliche Kenner der Humboldtschen Ideen, gezeigt hat, die Bildnerin des jungen Mannes. Sie selbst hat später erzählt, sie habe damals ganz ungewollt eine Art Superorität über ihn ausgeübt: „ich führte ihn gewissermaßen in die Welt ein". Bald nachdem er sein Studium begonnen, nahm sie ihn in den „Tugendbund" auf, den sie damals ins Leben gerufen hatte. Einige geistreiche Männer und Frauen, vor allem Dorothea Veit, die Tochter Moses Mendelssohns und spätere Gefährtin Friedrich Schlegels, — sie überragte Henriette Herz an Intelligenz, bedeutete aber menschlich für Humboldt nie so viel wie ihre Freundin —, Therese Forster, Caroline von Wolzogen, Caroline von Dacheroeden und Carl von Laroche, fanden sich hier zu Gedankenaustausch und Seelenprüfung zusammen. Humboldt hatte erst Bedenken, ob er auch dieses Kreises würdig wäre; Henriette wußte sie rasch zu zerstreuen. Er war in dieser Zeit ihr schwärmerischer Verehrer, ohne im mindesten den Frieden ihrer Ehe zu stören; als Student zählte er in Frankfurt an der Oder immer die Tage und Stunden, bis er wieder bei ihr sein konnte. „Gott, Henriette", ruft er einmal aus, „die Vergnügungen des Herzens sind die einzigen recht beglückenden, recht beseligenden!" Mehr als zwei Jahrzehnte später, mitten in den Arbeiten zur Gründung der Berliner Universität, erinnert er sich noch dankbar des Tugendbundes, den er immer liebhaben werde; denn er habe seine Gefühle offenbar gehoben und gereinigt und sei ihm „die erste Veranlassung gewesen, in der sich etwas Besseres in mir selbst erschlossen hat". Doch sobald der Studiosus Humboldt in Göttingen der genialeren Therese Forster begegnete, spürte er, daß ihm Henriette nur „Zuckerbrote, denen es an Würze fehlte", zu bieten hatte. Die Verlobung mit der „Bundesschwester" Caroline v. Dacheroeden zerstörte dann die alte Vertraulichkeit ganz; denn die Herz dünkte ihn nun gar zu neugierig und launisch, so daß Humboldt ganz erschüttert der Braut sein Leid klagte: „Ich kann mir nicht helfen, sie erscheint mir so ganz anders, als ich sie sonst in den Träumen' 18