Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 1 (April 1935)
- Article
- Jüdische Gelehrtenköpfe
- Date
- 1935-04-01
- Page
- 15 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Gelehrtenkopfe neu sichtbar. Es ist immer mißlich, die objektive geistige Leistung der eigenen Gegenwart zensieren zu wollen; es ist kaum glaubhaft, wie grobe Fehlschätzungen hier möglich sind. Einer der enthusiastischsten Deutschen, Lavater, meinte z. B., gerade im Jahre 1788 (!) in einer ausgesprochenen Verfallsepoche des deutschen Geistes zu leben. Wenn wir heute annehmen, in einer verheißungsreichen Neublüte des jüdischen Denkens in Deutschland gestanden zu haben, die jetzt nur sehr schwer bedroht ist, so liegt natürlich umgekehrt die Möglichkeit einer optimistischen Überschätzung besonders nahe. Und es werden auch gegen dieses „neue Denken" des Judentums in der angelsächsischen Welt und selbst an der Jerusalemer Universität noch genug ältere Gegenströmungen bemerkbar. Trotzdem scheint mir die Hoffnung ernsthaft berechtigt zu sein, daß es dem Judentum von jenem Umbruch her, der sich seit gut zwei Jahrzehnten vollzog, gelingen wird, allmählich ein Gesamtbild des jüdischen Wesens nicht nur zu entwerfen, sondern auch durchzugestalten, das der ganzen Vergangenheit des Judentums tiefer gerecht wird und vor allem seiner Zukunft zuverlässigere Dienste tun kann, als dies der Arbeit der früheren emanzipierten jüdischen Generationen gelungen ist. Und auch wenn wir nicht die selbstsichere Überzeugung Cohens teilen, daß dem deutschen Judentum noch immer die geistig leitende Funktion im Weltjudentum zustehe, — daß eine lebensuntergrabende Gefährdung des jüdischen Gelehrten in Deutschland ein besonders schwerer Verlust für die ganze Judenheit sein würde, das dürfen auch wir uns wohl selbst und den anderen sagen, und dagegen dürfen und müssen wir uns mit allen Kräften nach innen und außen wehren. (Daß Buber seine Bibelübersetzung gegen die Skepsis von Juden und Nichtjuden fortsetzt und vollenden will, scheint mir vor allem ein adaequates, glückliches Symbol für diese Haltung zu sein.) Und dabei gilt es auch, einer angesichts der gesamten Veranlagung des Volks der Bücher bedauernswerten, wenn auch heute vielfach entschuldbaren neuen Geringschätzung des Gelehrtentums zu begegnen. Sie ist gewiß auf die Dauer ebenso schädlich wie die neue Verachtung der Einfühlsamkeit des Juden in andere Völker zugunsten einer bloß rücksichtslosen Dissimilation. Es ist im deutschen Judentum unserer Zeit von innen und von außen schon mehrfach gelegentlich Kritik geübt worden an dem Typus des jüdisch-reaktionären Fortschrittlers, des Politikers, der als deutscher Reichstagsabgeordneter ein eifriger Liberaler war und als jüdischer Gemeindevorstand gegen das allgemeine Wahlrecht kämpfte. Denselben Typus stellte rassenbiologisch der extreme Assimilationsjude dar, der zugleich jede Mischehe strenger verwarf als viele Zionisten; und im Religiösen handelt es sich hier um den Typus des Tefillin legenden Atheisten und dergleichen. Es wäre natürlich kurzsichtig zu verkennen, daß auch in solchen Er- 15