Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 1 (April 1935)
- Article
- Jüdische Gelehrtenköpfe
- Date
- 1935-04-01
- Page
- 14 (sequence 4)
- Language
- German
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David Baumgardt Geringschätzung ansahen und dafür eine unkritische und zu tieferer Wertung unfähige Bewunderung sehr mittelmäßiger Jeschiwah-Autoritäten aus ihrer früheren Jugendzeit beibehielten. Der deutsche Rabbiner jener Jahrzehnte, dem bei wachsender Assimilation des deutschen Gesamtjudentums das eigentliche jüdischgeistige Leben der Gemeinden allein anvertraut bleiben mußte, war schon infolge seiner fast durchgängigen bedauernswerten wirtschaftlichen Abhängigkeit von den wohlhabenden Gemeindevorständen immer weniger in der Lage, diese höchsten Funktionen auszufüllen, weil die produktiveren Kräfte jener Zeit in die europäische Wissenschaft statt in die jüdische „Theologie" strebten. Da hat unzweifelbar der Zionismus — ansteigend seit den letzten Jahren vor dem Weltkrieg — eine entscheidende Wendung gebracht. In der nachmendelssohnschen Epoche war das Judentum bis zu Hermann Cohen hin mit einer vielfach recht rückständigen Zähigkeit vorwiegend mit den Waffen der Aufklärung des 18. Jahrhunderts verteidigt worden, nachdem von den Ideen jener Zeit aus die erste, Gleichberechtigung gebende Würdigung der Juden in Europa ermöglicht worden war, dann aber diese Ideen gerade in Deutschland sehr bald schon ins Hintertreffen gerieten und grundsätzlich anderen, romantisch-völkischen Prinzipien den Platz räumen mußten. Das Judentum aber hat in jener Zeit leider zu oft den ebenso vergeblichen wie linkischen Versuch unternommen, aufklärerische „Lichtstrahlen" und „ewige Weisheiten" aus dem Talmud und dem nachbiblischen Schrifttum zu dessen Verteidigung zu sammeln, während die deutsche Umwelt längst nicht mehr an den Prinzipien der Aufklärung hing — womit andere; Möglichkeiten zu viel tieferer Verständigung zwischen deutscher und jüdischer Geistigkeit versäumt oder nicht lebendig genug ergriffen wurden. So blieben schon durch die damals gern hervorgehobene Mißachtung der Kabbala und der Mystik überhaupt weite Bezirke jüdischen Lebens durch falsch angebrachten Apologeteneifer oder durch Unverständnis unbeachtet; und selbst das ganze besonders wichtige, differenziertere Erforschen der jüdischen „Frömmigkeitsschemen" trat gegenüber den primitiveren Bemühungen um eine Fixierung der „objektiven jüdischen Religionslehren" kaum in den Gesichtskreis. Erst im letzten Vierteljahrhundert kam hier ein sichtbarer Umschwung. Mit Buber, Rosenzweig, Scholem, Bergmann, Ernst Simon (mit denen im Bunde natürlich auch nichtdeutsche Namen wie Bialik und andere, aber auch deutsche Rabbiner wie Leo Baeck zu nennen wären) und schon mit Hermann Cohens spätem jüdischem Wirken greifen hier bereits äußerlich Nichttheciogen beherrschend mit ein; und innerlich wird vor allem der Wille zur Erfassung des ganzen jüdischen Menschen, nicht nur seiner religiösen, politischen oder gar seiner bloß „konfessionellen" Welt 14