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Der Morgen · 1935-04-01 · Heft 1 (April 1935) · p. 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 1 (April 1935)
Article
Jüdische Gelehrtenköpfe
Date
1935-04-01
Page
16 (sequence 6)
Language
German
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David Baumgardt: Jüdische Gelekrtenköpfe scheinungen noch instinktiv sehr wichtige, konservierende und sogar unter Umstanden moralisch tief verständliche Triebe einer besonders gefährdeten Gemeinschaft an die Oberfläche dringen. Aber die schwere innere Ungelöstheit, die solche Typen zeigen, muß gerade, wenn es um Gelehrte, Forscher, Wissenschaftler geht, besonders lähmend und unerfreulich wirken. Die Lösung solchen Zwiespalts, der im Juden zweifellos durch seine Gesamtsituation noch heute viel häufiger und ernster zu Tage tritt als anderswo, soll und kann sich natürlich nicht durch die mechanische Ausschaltung einer jener Alternativen vollziehen, sondern nur durch echte Entscheidung für eine von ihnen oder durch die Entscheidung für eine ernste Bindung und Mischung der vorherigen Gegensätze. Unzulänglich, unwürdig und gefährlich aber bleibt gerade heute bei dem jüdischen Gelehrten eine an sich begreifliche unbewußte Zerspaltenheit seines Wesens, ein unbemerktes Abtrennen des jüdischen von seinem allgemeinen weltlichen Wirken. Besonders die Wissenschaft vom Judentum leidet meiner Überzeunach noch heute gerade bei ihren zunftmäßigen Vertretern darunter, daß hier eine innerlich noch zu gebundene, unfreie, eine menschlich blassere, ausdruckslosere, eine gehemmtere Gesamteinstellung gewünscht wird, als dies sonst heute beim internationalen Gelehrten der Fall ist. (Auch in Palästina ist das geistige Gesamtleben der Gemeinschaft im allgemeinen weit wagemutiger und frischer als das der offiziellen Wissenschaft, — ein Gegensatz, der sonst bei anderen Völkern in der Gegenwart viel wontuender behoben wurde.) Ein schöpferisches Gelehrtentum aber muß natürlich sogar den Mut zu einem vorübergehend unvermeidlichen Irrtum haben, der mehr Wahrheit bringen kann als ein nur steriles Sichklammern an alte Methoden, die neue Perspektiven für immer verbauen. Diese stärkere Verantwortungsfreudigkeit, der Wille zur Überbrückung stillschweigender innerer Gegensätzlichkeiten zugunsten einer neuen geprüften, einer zweiten Naivität und wagenden Unbefangenheit, — das scheinen mir daher Güter zu sein, die dem sonst unbestreitbar hochstehenden deutsch-jüdischen Gelehrten heute besonders zu wünschen sind, Güter, die eben nicht in einem zu vorsichtigen Konservativismus erreichbar sind, aber natürlich auch nicht in einem gewollten Widerstreit oder in einer gewollten Anbequemung an irgendwelche bestimmte ältere oder auch jüngste Ideologien der Umwelt. Aber mit einem solchen Mut zur seelischen und geistigen Differenzierung und zugleich mit einer neuen Freudigkeit, einer neuen unbekümmerten Bekenntniskraft zu seinen einmaligen Anlagen, mit dieser Parole müßte der deutsch-jüdische Gelehrte dem Judentum und der Welt, wie wir wohl hoffen dürfen, noch manches bisher nicht ausgesprochene und nicht aussprechbare Wort vermitteln können. 16

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