Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 1 (April 1935)
- Article
- Jüdische Gelehrtenköpfe
- Date
- 1935-04-01
- Page
- 13 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Gelehrtenköpfe selbst hier handelt es sich, wenn nicht um radikale, so doch um gesinnungsmäßig sehr entschlossene und aktive Naturen, während freilich gerade unter denen, die aus Überzeugung zum Christentum übertraten, sonst wesentlich empfindsamere und nachgiebigere Naturen stehen. Franz Rosenzweig aber hat auch darin eine verdienstliche Tat getan, daß er gerade von dem bewußtesten Judentum Unbefangenheit gegenüber den Getauften forderte und daß er sich nicht scheute, manche unter ihnen sogar zu unseren „Besten" zu zählen. Die Grenzen, an denen hier eine äußerliche, niedrige Anpassung an die herrschende Religion vorliegt oder eine möglicherweise seltsam echte Unberührtheit von den Gegensätzen zwischen Christentum und Judentum oder ein wirkliches Erfülltsein von christlicher Religiosität, — diese wichtigsten Differenzen zwischen den verschiedenen Typen der Getauften sind meist unschwer zu erkennen. Tritt man aber nun von der allgemeinen wissenschaftlichen Arbeit des deutschen Juden in die besondere „Wissenschaft des Judentums" in Deutschland, so tritt man in eine wesentlich andersartige Welt. Zwar die ersten beiden Drittel des 19. Jahrhunderts zeigen hier noch eine ansehnliche Zahl kraftvoller Physiognomien: Zunz, Steinheim, Samson Raphael Hirsch, Formstecher, Abraham Geiger, Steinschneider, Isaac Hirsch Weiß, Adolf Jellinek, Manuel Joel, Heinrich Graetz. Aber dann beginnt nach der Mitte des 19. Jahrhunderts mit der mächtig anschwellenden Teilnahme des Juden am allgemeinen Kulturleben unverkennbar ein schweres Absinken des Niveaus. Freilich fehlen auch hier bedeutungsvollere Sonderleistungen wie die David Kaufmanns, Wilhelm Bachers, Martin Schreiners, Jakob Guttmanns und anderer nicht völlig. Aber im allgemeinen waren die deutschen Rabbiner jener Zeit und die wenigen Gelehrten, die sie an den wenigen vorhandenen Rabbinatsschulen ausbildeten, schon sozial keineswegs mehr jene geistigen Führer der Gemeinschaft, die die Rabbanim und Talmide-Chachamim der früheren Jahrhunderte auch in der deutschen Galut stets gewesen waren. Im großen und ganzen zeigte sich hier vielmehr eine wachsende Erstarrung des jüdisch-geistigen Lebens. Gegenüber den christlichen Theologen, Philosophen, Historikern oder auch Nationalökonomen trat, wenn sie als judenfreundlich empfunden wurden, eine unselbständige oder sogar devote Hochschätzung auf; und wenn sie mit Recht oder auch mit weniger Recht als antisemitisch galten, dann meldete sich ein ebenso unfruchtbares Ressentiment, wovon mir selbst Graetz trotz seiner sonstigen höchsten Verdienste nicht freizusprechen scheint. Oder eine andere gelegentlich hervortretende und gewiß nicht innerlich ausgeglichenere Erscheinung war es, wenn ostjüdische Gelehrte und Rabbiner in Deutschland von ihrer erst später erworbenen weltlichen Bildung her die europäische Wissenschaft letzthin mit 13