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Der Morgen · 1935-04-01 · Heft 1 (April 1935) · p. 12

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 1 (April 1935)
Article
Jüdische Gelehrtenköpfe
Date
1935-04-01
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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David Baumgardt Verallgemeinerungen. Im übrigen versteht es sich von selbst, daß das jüdische Gelehrtentum in Deutschland verschiedenartige, bunteste Erscheinungsformen aufweist: den ganz in seine Arbeit versponnenen Pathologen Paul Ehrlich, den „schüchternen" Biologen Jacques Loeb wie den selbstbewußten Lassalle und den „adelsstolzen" Philologen Jacob Bernays, den durch seine zeichnerische Klarheit selbst Gottfried Keller begeisternden Anatomen Jacob Henle, den vorwiegend „konkret" experimentierenden James Franck und den abstrakten Mathematiker und Physiker Minkowski, die gefahrliebenden, abenteuernden Orient- und Afrika-Forschungsreisenden Hermann Burchardt, Eduard Schnitzer und Richard Kandt, und den — wie Kant — bürgerlich seßhaften Mendelssohn; Erwerbsunfähige wie Salomon Maimon oder auch Karl Marx und Erwerbstüchtige, stark künstlerisch bewegte, sprachschöpferische Geister wie Gundolf oder Karl Joel und „leidenschaftlich nüchterne" wie Jakob Freudenthal oder Ernst Marcus, ausgesprochene Esoteriker wie Georg Simmel und spezifische Popularisatoren wie Hans Reichenbach, wissenschaftliche Melancholiker wie Theodor Lessing oder Weininger und optimistische Wissensenthusiasten wie Popper-Lynkeus oder den Graezisten Theodor Gomperz, Universalisten wie Ernst Cassirer und strenge Wissensspezialisten wie den Handelsrechtler Staub. Entscheidend war es dann selbstverständlich für die Entwicklung des jüdischen Gelehrten in Deutschland, daß dem Juden (mit verschwindend geringen Ausnahmen unmittelbar nach dem Weltkrieg) der Zugang zu höheren Regierungs-, Offiziers- und Verwaltungsstellen versperrt war, und daß infolgedessen auch aktivistische Begabungen in das Gelehrtentum einströmten. Denn der führende Wissenschaftler und besonders der Universitätsgelehrte blieb so — noch mehr als der Künstler — innerhalb des deutschen Judentums auch sozial oberste Gesellschaftsschicht. Diese schon sozial besonders starke Anziehungskraft der Wissenschaft macht immerhin die sonst erstaunliche Tatsache, daß etwa ein Drittel aller deutschen Nobelpreisträger bisher Juden oder ausgeprägt jüdische Mischlinge waren, etwas begreiflicher (es finden sich hier neben schon genannten Namen noch' der Physiker Warburg, die Chemiker Haber, Willstätter, Baeyer und Meyerhof, der Pazifist Fried, wobei der in Amerika niedergelassene deutsche Jude Michelson und andere nicht mitgezählt sind). Und dieses schon sozial mitbedingte Eindringen aktivster Elemente des deutschen Judentums in die internationale Wissenschaft erklärt wohl in einigem auch die solchen Gelehrten öfters nachgesagte Radikalität des Denkens und Forschens. Selbst bei getauften Juden wie Friedrich Julius Stahl, dem Schöpfer des preußisch-konservativen Parteiprogramms, oder dem protestantischen Kirchenhistoriker Joh. Aug. Wilh. Neander und den katholischen Theologen Karl Hock und Joh. Emanuel Veith, 12

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