Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 1 (April 1935)
- Article
- Jüdische Gelehrtenköpfe
- Date
- 1935-04-01
- Page
- 11 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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David Baumgardt / Jüdische Gelehrtenköpfe Wenn es sich um Auslesenaturen einer Gemeinschaft oder auch nur eines Standes handelt, muß man der Anwendung herkömmlicher Urteile über die entsprechende Gesamtgemeinschaft mißtrauen. Und man muß sogar auf gegenteilige Sachverhalte gefaßt bleiben. Überraschend bestätigt sich dies, wie mir scheint, im Fall des deutschen und jüdischen Gelehrten, ohne daß damit vorschnell irgend welche Wertungen fallen dürften. Der Durchschnitt des deutschen Gebildeten lehnt z. B. im allgemeinen betonte Intellektualismen ab und empfindet sich mit Recht und mit Stolz im eigentlich Geistigen als mehr sentimental, nicht als rationalistisch veranlagt. Die großen deutschen Denker und Gelehrten aber pflegen dem gegenüber eine meist lange nicht genug gewürdigte scharfe, verstandesklare Bewußtheit zu besitzen, eine sehr nachdrückliche Intellektualität, angefangen von Leibniz, Lessing, Winckelmann, Kant, Humboldt, Hegel bis zu Mommsen, Virchow, Erich Schmidt, Max Weber und Woelfflin, um nicht etwa auf reine Rationalisten anzuspielen. Der Durchschnittsjude gilt dagegen nicht mit Unrecht als bedenklich intellektverliebt, intellektstolz, pointenübertreibend oder gar als intellektprotzig und als kurzsichtig gegenüber den reicheren geistigen Unbestimmtheiten und den tieferen Unbewußtheiten jüngerer Völker. Aber von dem „Rationalisten" Cohen hat nicht nur Franz Rosenzweig, sondern ebenso nachhaltig Robert Arnold Fritzsche bezeugt: „dieser Anwalt der Vernunft ist kein Vernünftler gewesen; diesen Scharfsinn hat die Leidenschaft beflügelt". Und ebensowenig ist Einstein seinem Wesen, Freud dem Gegenstand seiner Forschung, Husserl seiner Methode nach bloßer Intellektualist, um hier gerade Naturen zu nennen, die als bloße Verstandesmenschen gelten. Entsprechende Betrachtungen, nach anderen Seiten vollzogen, würden, wie ich glaube, ähnliche Resultate ergeben, obwohl sie natürlich für eine spätere Typologie des jüdisch-deutschen Gelehrten viel umsichtiger festzulegen wären, als dies hier möglich ist. So trifft es wohl im allgemeinen für den deutschen Menschen zu, daß sein Charakter stabiler wirkt als der des auch moralisch stärker umgetriebenen Durchschnittsjuden. Unter den deutschen Gelehrten aber dürften sich wahrscheinlich weit mehr problematische, hintergründigere Naturen finden als unter den hier meist eindeutigeren jüdischen Charakteren. Solche Erwägungen haben vor allem die Bedeutung von Verwarnungen vor den — hier besonders leicht drohenden — banalen //