Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 12 (März 1935)
- Article
- Werkleute
- Date
- 1935-03-01
- Page
- 563 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895526-2895538-2904748--07817-2904811- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Werkleute bige Haltung zum Leben aber hat ihre jüdische Ausformung bisher zum letztenmal im Chassidismus gefunden. Wir geben keiner Romantik des Kaftans das Wort, wir wollen keinen Aberglauben als höhere Weisheit verteidigen, — unser eigener ungeteilter Lebensweg fährte uns an diesen Punkt. In der Vereinigung der beiden Ströme scheint uns die geistige jüdische Aufgabe unserer Zeit zu bestehen und gleichzeitig wie immer: die menschliche. Dieser Mensch, der kein Anhänger eines selbstherrlichen Rationalismus und ebensowenig ein naiver Chossid sein kann; der sich, ohne Verzicht auf kritisch-wissenschaftliche Betrachtung, auf die religiösen Urkräfte als auf „der Mitte Gesetz" besinnt, — dieser Mensch scheint es uns zu sein, auf den die jüdische wie die menschliche Entwicklung Europas hindrängt. Daß diese Synthese in Martin Buber begann, macht ihn uns zum Führer. Und so dürfen wir diese Rede mit dem Buberworte beschließen, das auch am Beginn unseres jüdischen Weges stand: „So meinen und wollen unserer Seele tiefstes Menschentum und unserer Seele tiefstes Judentum dasselbe." Die Stellung zur Bibel beleuchten die folgenden Ausführungen aus „Probleme jüdischer Erziehung bei westjüdischer Jugend": Wir hoben bereits hervor, daß unsere grundsätzlichste Fragestellung an die Bibel religiöser Art ist. Und wir wissen, daß die heutige Gestalt der Bibel unter eben dieser Fragestellung entstanden ist, — was immer die Absicht der alten Quellen gewesen sei. Im Bibel-Lernen wollen wir die religiöse Problematik zum Austrag bringen, die religiöse Erziehung des jungen Menschen hat am Bibellesen anzusetzen. Hier liegt wohl das schwierigste Stück des behandelten erzieherischen Weges. Denn die innere Stellung des jungen Menschen der hier gezeigten Prägung zur Religion ist meist außerordentlich belastet. Er ist ein Ungläubiger aus Ehrlichkeit. Der religiöse Glaube gehört für ihn zu den Dingen, die er bei seinem Erwachen zu geistiger Selbständigkeit über Bord warf. Seitdem lebt er in den autonomen Anschauungen des modernen, individualistischen Menschen. Aus seiner inneren Ferne von religiösem Leben zieht er die Konsequenz, daß diese Situation für alle Menschen gelte und steht daher der Religion und den religiösen Berichten mit mißtrauischer Kritik gegenüber; er sieht in ihr oft einen Prieslerbetrug. Andere reagieren anders: aus ihren unbestimmten Sehnsüchten nach einer Lebensmitte konstruieren sie sich auf geistigem Wege eine „höchste Idee" und glauben damit, den Gott der Religion gefunden zu haben. Beiden gegenüber scheint uns als erstes Erfordernis die Erziehung zu „religiöser Abstinenz" zu bestehen, das heißt: eine innere Distanz, die auf alles Religiöse Verzicht leistet, so weit es nicht lebensmäßig erfahrene Wirklichkeit ist. Der Skeptiker soll dadurch zu einer unvoreingenommenen, nicht mehr aggressiven Stellung zur Religion gelangen. Der Schwärmer soll darauf hingewiesen werden, daß losgelöste geistige Konstruktion kein Weg zu Gott ist. — Nun kommen diese Menschen, die zu jener Vorsicht und Enthaltsamkeit vom unerlebten Wort erzogen wurden, an die Bibel heran, die in jedem Satz religiöse Sprache spricht. Damit soll, über das notwendige Zwischenstadium der Abstinenz hinaus, religiöse Erziehung neu einsetzen. Wie ist das möglich? Welche Rolle spielt der Tenach dabei? Bevor wir auf diese Frage zu antworten versuchen, müssen wir sagen, was wir unter religiöser Erziehung verstehen. Wir können darunter nicht die Eingewöhnung in ein System von Satzungen und Uebungen meinen; 563