Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 12 (März 1935)
- Article
- Werkleute
- Date
- 1935-03-01
- Page
- 562 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Eva Reichmann-Jungmann daß wir immer wieder Menschen brauchen werden, verwirklichungsfroh und pflichtgebunden, jüdisch und weltoffen zugleich, — deshalb können wir in der Aliiah dieses Bundes nichts sehen, was im Vollbewußtsein solcher geistigen Entscheidung endgültig sich von Deutschland lossagt Auch hier, im deutsch-jüdischen Raum, kann sich, in Verzicht und Demut, jüdisches Leben verwirklichen, wenn es nur aus reinen Quellen fließt. Die „Werkleute" haben sich gegen diese Verwirklichung entschieden. Wir warten auf den Bund, der sich aus gleicher Kraft und Tiefe für sie entscheidet. * Um einen lebendigen Eindruck von Hermann Gersons Gedankengängen zu vermitteln, geben wir einige Abschnitte daraus wieder: Aus „Unsere innerjüdische Stellung": Es gibt kein Land — und sei es auch Palästina, das nicht im Rausch des Auf baus bisweilen die Grundlage zu vergessen droht, auf der auch seine Menschen stehen müssen, — es gibt kein Land, in dem nicht die menschliche Problematik, die uns in Europa beschäftigt hat, an irgendeiner Stelle, an irgendeinem Zeitpunkt aufbrechen wird. Mag die Konjunktur die Frage nach dem Sinn auch heute weitgehend verdecken, das ist nicht von Dauer, es wird auch in Palästina eines Tages die innere Not und Fragestellung geben, die wir aus Europa als die zentrale mitbringen. Nicht in dieser Zuspitzung wie hier, denn Palästina wird noch lange leben dürfen, ohne zu dieser Geistübersättigung und Wurzellosigkeit und Saturiertheit zu kommen, wie sie Europa, wie sie die große Stadt mit ihrer Anonymität schafft. Aber dennoch: es kann ja nicht anders sein, als daß sich auch dort die moderne Situation mit ihrer Grundfrage, der nach einem Sinnzentrum, ergibt. Wir müssen hoffen, daß dann unsere Menschen noch nicht „eingealtert sein werden im Lande" . . . Es gibt im Beginn der jüdischen Neuzeit zwei große Versuche, sich mit dieser neuen Zeit auseinanderzusetzen. Der eine, im Westen gemachte, ist der Versuch der Aufklärung, wie er in verschiedenen Formen vor uns liegt. Der andere große Versuch ist der Chassidismus; auch er geht aus dem Gefühl hervor, daß die alten Grundlagen des Lebens einer neuen Sinngebung bedürfen. Wir sind der Oberzeugung, daß eine wirkliche jüdische Erneuerung diese beiden Ströme, die bisher getrennt verlaufen, irgendwo zusammenführen muß; das westliche Judentum, von der Aufklärung bestimmt, mit den Tugenden des europäischen Menschen, mit seiner Wissenschaft, mit seiner Geistigkeit; den Chassidismus, im Ursprung genährt aus der tiefen Glut seines Glaubens. Ich behaupte nicht, daß wir zu dieser Synthese befähigt sind; aber unsere Richtung bestimmt sich von dieser Aufgabe her. Wir werden die geistigen Güter des modernen Europa nie aufgeben. Aber wir sind im Leben auf die Grenzen dieser modernen Selbstgewißheit gestoßen, die den Menschen zum Schöpfer machen will. Wir wissen wieder, daß sich unser Leben an den entscheidenden Punkten auf den Glauben gründet: wer sich einem Menschen ergibt, seinem Führer, seiner Frau, wer den Weg seines Lebens letzlich bestimmen will, — der steht auf einem Boden, wo es kein „Wissen" mehr gibt, sondern nur vertrauendes Ergreifen der entgegentretenden Wirklichkeit. Wir ahnen deshalb, daß der Menschentyp, der die jüdische Erneuerung tragen soll, sich aus der Entwicklung Westeuropas allein nicht nähren kann. Die gläu- 562