Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 12 (März 1935)
- Article
- Werkleute
- Date
- 1935-03-01
- Page
- 564 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Eva Reichmann-Jungmann: Werkleute nicht die Erziehung zum Synagogenbesuch und zur Pietät um ihrer selbst willen. Wir sind davon überzeugt, daß es keine direkte religiöse Erziehung gibt, keine Möglichkeit einer Unterweisung, die direkt zu Gott führt. Alle religiöse Erziehung ist eine indirekte, sie kann die Kräfte, welche eine gläubige Haltung tragen, zu entfalten suchen; sie kann lebensmäßige Anstöße, welche die Gewohnheit autonom-individualistischen Begreifens des eigenen Lebens erschüttern, über ihre grundsätzliche Richtung ins Klare bringen. Mehr kann sie nicht. Auf dem Wege zu jener letzten Ausrichtung und Bindung des Lebens, die von Gott her geschieht, ist jeder ein einsamer Wanderer. — Was die erstgenannte Aufgabe angeht: der typische westjüdische Jugendliche ist ja zunächst einer religiösen Bestimmtheit recht fern: mißtrauisch, intellektualisiert, unruhig, zersplittert, — wie ihn ja seine jüdische Situation meist formt. Demgegenüber wird die religiöse Erziehung eine allgemeine Gestaltungsaufgabe haben, welche für den Blick außen von allem Religiösen ganz entfernt, ganz „weltlich" erscheinen wird: die Überwindung eines vom abgetrennten Intellekt bestimmten Lebens; das Ernstnehmen des Alltags gegenüber der Errichtung geistiger Überwelten; das Abkommen von der Unrast der vielfältigen, zersplitterten Strebungen, die ruhige Gestaltung des ganzen Lebens von einem Entscheidungszentrum her; der Mut zum Vertrauen gegenüber Menschen und Geschehnissen; die offene Konfrontation mit den Forderungen jeder Situation, — das sind einige Hauptziele dieser Erziehung. — Die andere Aufgabe ist die Klärung des Sinnes der erwähnten lebensmäßigen Erschütterungen, wozu gerade die Bibel Entscheidendes beitragen kann. Jene Anstöße können ja sehr vielfältige sein. Für den einen wird der Anfang zu allem Weiteren das grundsätzliche Neu-Begreifen des Menschen sein: weg vom Bilde des stolzen, selbstmächtigen Schöpfers des eigenen Lebens, das er in Freiheit aus sich heraustreibt, — hin zum Bilde der Kreatur in all ihrer Brüchigkeit, ihrer Unzulänglichkeit gegenüber der an sie gerichteten Forderung — bis zur Geworf enheit des Sterben-Müssens. Der zweite wird eines Tages merken, daß sein Leben kein Werk freier Wahl ist, sondern in einem Angesprochenwerden durch das Geschehen und Antworten im Tun besteht; er wird das Leben als „Dialog" erfassen lernen. Der dritte wird durch den Tod eines nahen Menschen in das Leid der Frage nach dem Sinn gerissen werden und ihn nun immer wieder über allem Widersinn zu erfassen trachten. Der vierte wird in einer großen Liebe plötzlich erkennen, daß er seit je nach solchem „Du" Verlangen trug und auf es angewiesen ist. Der fünfte wird an der menschlichen Bereitschaft seines Gruppenführers im Bunde zu Menschen und zum Leben überhaupt Vertrauen fassen und staunend sehen, wie ihm damit neue Kräfte zuwachsen. All diese neu erschlossenen Möglichkeiten, all diese lebensmäßigen Ansätze, die geeignet sind, die bisherige Klärung über ihr eigenes Wesen und Wollen, der Zusammenfassung in eine Richtung. Sie wird ihnen zuteil, tvenn all diese Vorläufigkeiten und Ahnungen sich konfrontieren können mit einer Welt der religiösen Wirklichkeit: der Bibel. Was wir vom Lernen sagten, daß es für den Lebensaufbau einen tieferen Brunnen erschließen will, als es die rein private Erfahrung ist; daß es einer tieferen Weisheit als der des einzelnen nachfragt, — das alles wird besonders deutlich in dieser Gegenüberstellung der eigenen Erfahrungen mit der Glaubenswelt der Bibel, an der sie Eigentlichkeit und Substanz gewinnen. autonom-ungläubige Haltung 564