Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 12 (März 1935)
- Article
- Werkleute
- Date
- 1935-03-01
- Page
- 561 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Werkleute Sorge darum nicht unterdrücken. Was uns hier ergreift, das ist Gedankenwerk, Idee. Zwar zeugt der erste Abschnitt von der Wandlung des Bundes, wie sie sich wirklich vollzogen hat; der zweite Abschnitt gar ist praktischpädagogisch erprobt und der dritte durchkämpft und durchlitten. Aber all das behandelt doch im wesentlichen Freizeitprobleme, innere Ausrichtung, Bundeserziehung und menschliche Forderung, erwachsen auf der Grundlage einer Existenz, die solche geistige Entscheidung ermöglichte. Jetzt erst ist durch die Realität des palästinensischen „Werkleute* Kibbuz aus der Freizeitgestaltung unmittelbare Lebenswirklichkeit geworden. Gewiß: „Unser Wille richtet sich auf die direkteste Möglichkeit der Verwirklichung" (S. 72) — immer wieder klingt dieses Motiv an. Hier strebt eine Idee mit aller ihr innewohnenden Mächtigkeit auf ihre Überführung in die Tat, hier ist keine Scheu vor der entscheidenden Probe der Bewährung. Und doch will uns scheinen, als könne aller kluge Verstand, alle wägende Vorsicht nicht ausreichen, um den Zusammenprall eines solchen Gedankenbaus mit der Wirklichkeit zu meistern. Zu weit gespannt ist die Kühnheit dieses Willens! Noch ist es nicht an der Zeit, die ersten Konkretisierungsversuche zu prüfen und zu beurteilen. Aber es bedarf ihrer kaum, um zu wissen, daß eine Bewegung, die das Höchste und das Edelste, die „unserer Seele tiefstes Menschentum und unserer Seele tiefstes Judentum" (Buber) zu verwirklichen auszieht, sich im Ringen mit dem harten Alltag noch vielfach wird anpassen müssen. Daß dieses Anpassen den Geist nicht besiegt, möge eine weitere Gnade auf diesem Wege sein. Der Weg der „Werkleute" ist der einmalige Weg einer deutsch-jüdischen Elite. Dieser Eindruck, der einem immer stärker aus Hermann Gersons Buch erwächst, setzt seiner allgemein-jüdischen Bedeutung zugleich die Grenze. Hier hat eine jüdische Jugend mit den guten geistigen und körperlichen Voraussetzungen des gebildeten Bürgertums in den Jahren schwerster sozialer und jüdischer Erschütterung die entscheidende Weisung Martin Bubers erfahren. Das Zusammentreffen fähiger Führer ermöglichte gute Erziehung und strenge Auslese. Eine vom Beben neuer Entwicklung geschüttelte Zeit trieb zu eifervoller Auseinandersetzung mit Freunden und Gegnern. So vereinigten sich glückliche und unglückliche Bedingungen in einmaliger Fruchtbarkeit. Die Entscheidung der „Werkleute" zurCnaluziuth trägt dieser Raum- und Zeitbedingtheit ihres eigenen Werdens keine Rechnung. Sie setzt mit ihrer Wendung zum Kibbuz in Palästina einen Zustand als endgültig, aus dem nie wieder eine Bewegung wie die der „Werkleute" hervorgehen wird. Der Kibbuz wird, wenn Gnade auf seinem Wege sein wird, anderes leisten. Er wird ein moralischer Faktor sein inmitten des großen Aufbauwerkes und aller seiner Gefahren. Er wird getreu seinem Grundsatz, daß Aufgeschlossenheit gegenüber dem Mitmenschen nottue, neue tragende Beziehungen zur Arbeiterschaft, zu den Arabern schaffen. Er wird ein Bollwerk sein im Kampf gegen den andrängenden Revisionismus. All das wird er sein können, weil seine Menschen von dorther kommen, woher sie eben gekommen sind; weil sie selbst sich einen schweren und eigenen Weg der Besinnung erarbeitet haben, weil sie nichts Fertiges zu übernehmen hatten. Die Bewegung der „Werkleute" hätte niemals in Palästina entstehen können; ihr Ausgangspunkt und ihr Antrieb ist nur im deutschen Judentum denkbar. Aber weil die Zeichen darauf deuten, daß wir immer und immer wieder „Werkleute" brauchen werden, oder sagen wir es deutlich: 561