Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 12 (März 1935)
- Article
- Werkleute
- Date
- 1935-03-01
- Page
- 560 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Eva Reichmann-Jungmann giös; die einen wollten es in neuer Eigenständigkeit erbauen, die andern in fruchtbarer Begegnung mit der Umwelt erhalten. Um solche Grundfragen und ihre Übergänge und Teilübergänge, um ihre Verwirklichungsmöglichkeiten und um die Bewältigung aller der vielen Belastungsproben, die der Nachkriegsgeneration auferlegt wurden, wurde in den Diskutier- und Experimentalgemeinschaften unzähliger Fahrtengespräche und Heimabende gerungen. Ihr geistiger Niederschlag steht heute in Gestalt geformter Menschen vor uns — an literarischen Aufzeichnungen von überzeitlicher Bedeutung ist wenig davon übrig geblieben. Umso größer ist daher die Freude über das Dokument aus der jüdischen Jugendbewegung, das uns Hermann Gerson, der Führer der „Werkleute" vorlegt*). Es handelt sich bei ihm um eine Rechtfertigung und Grundlegung zugleich. Die „Werkleute" sind derjenige aus den „Kameraden" hervorgegangene jugendliche Kerntrupp, dessen jüdische Entwicklung vielleicht die weiteste Spanne umschließt, die jüdischen Möglichkeiten im deutschen Räume offensteht: sie führte von der fast problemlosen Herkunft aus bürgerHch-assimilatorischen Schichten bis zur Chaluziuth in unendlich bemühter, vertiefter jüdischer Sinngebung. Sie zeigt so deutschjüdische Jugend auf einem Weg, der — weit entfernt davon, der Weg zu sein — doch in einem bestimmten Sinne für alle Wege da ist: ihr Fragen ist das Fragen aller, ihr Lernen das Lernen aller, ihr Leben ist die Sehnsucht aller, die wieder Judentum wollen. Denn das gibt diesem Suchen und Bekennen, diesem Zweifeln und Beginnen ein Allgemeingültiges: wer sich davon anrühren und bewegen läßt, von der Darstellung der innerjüdischen Wandlung zunächst, sodann von den brauchbaren und nützlichen Hinweisen auf die jüdische Erziehung bei westjüdischer Jugend; wer dann mit eindringt in den menschlichen Urgrund und mit zögert vor der Enthüllung des letzten Willenszieles — für den geht es nicht mehr um Zionismus oder Deutsch-Judentum, um Palästina oder Deutschland. Der weiß nur noch, daß hier ein jüdischer Weg in tiefer Verantwortung, in strengem Dienst und in Demut gegangen wird. So verständlich es sein mag, wenn politische Zionisten darüber frohlocken, daß hier eine wertvolle Gruppe die Entscheidung für Palästina gefällt hat, und so schmerzlich es die für den Weg in Deutschland entschlossenen Menschen fühlen müssen, daß ihnen Freunde aus räumlicher Nähe entrücken — beide Empfindungen werden der Tatsache, die hier Gestalt gewinnt, nicht gerecht. Wir stehen vor dem Weg, den die „Werkleute" bis hierher gegangen sind, als vor einem Geschenk jüdischer Erneuerung aus deutsch-jüdischer Durchdringung. Der Richtung, die der Weg genommen, haben wir zu clanken, daß sie sich den Suchenden in der Erschütterung des Jahres 1933 als neuer Halt bot. Sein Ausgangspunkt, das deutsche Judentum, weist sich in jedem Worte des Buches als Boden schönster Fruchtbarkeit aus: noch aus der Art, wie die Loslösung dieser scheidenden Schar geschieht, erneuert sich unser heißer Wunsch für seine Dauer. Denn daß zwischen Ausgang und Ziel der Weg so, wie er sich uns hier zeigt, gebahnt wurde, das fügt beide Pole — Deutschland und Palästina — in neuem zeitlosen Sinnbezug zusammen. Aber wer so, beschenkt und beglückt, vor dem Buche steht, der darf um des Ernstes und der Reinheit dieses Bekenntnisses willen auch seine *) Hermann Gerson, .Werkleute". Ein Weg jüdischer Jugend. Kommissionsverlag Kedem, Berlin 1935. 560