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Der Morgen · 1935-03-01 · Heft 12 (März 1935) · p. 558

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 12 (März 1935)
Article
Der Viehmarkt
Date
1935-03-01
Page
558 (sequence 3)
Language
German
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Erich Rosenthal: Der Viehmarkt gleich größerer Wichtigkeit freilich sind alle die Nachrichten, die die Seelenlage der Händler beeinflussen: Schilderungen, die in anschaulicher Ergänzung der jüdischen Zeitungen ein lebendiges Stimmungsbild der jüdischen Lage geben. Der Austausch der bisher genannten Nachrichtenarten findet aber auch zwischen den Frucht- und Metallhändlern statt, die zum warenlosen Markt, zur Börse, wie sie ein wenig großspurig sagen (zur Waren-Börse, muß es richtig heißen) fahren. Von der Stufe des Witzes über Mitteilungen allgemeiner Art, vom Marktbericht bis zur Abschätzung der augenblicklichen jüdischen Situation werden diese Nachrichten immer wichtiger, und um so entscheidender, je persönlicher sie sind. Die Viehhändler sind nun aber auch noch, im Gegensatz zu den Groß- und Rohstoffhändlern, ein Stand; weniger eine Klasse — es gibt arme und reiche — als ein Stand, eine Einheit sowohl ihrem Bewußtsein nach wie durch eine eigene Fachsprache, die nach außen eine Grenze zieht. Sie bilden, besonders auf dem flachen Lande, eine Lebensgemeinschaft. Und so entsprechen denn diesem Verhältnis noch die Nachrichten, die wir ihrer lebenswichtigen Bedeutung wegen biologische Nachrichten nennen wollen. Je persönlicher eine Nachricht ist, um so stimmungsvoller ist sie. Was sie an Sachlichkeit einbüßt, nimmt sie an Gewichtigkeit zu. Nicht die Tatsache für sich, daß jemand krank, gestorben, verliebt ist, ist wichtig. Viel wichtiger ist zu wissen, wie, wann, wo jemand krank usf. ist. Dieses Gerede schafft erst die Atmosphäre „Kranksein", sie zwingt die Leute, für-, mit- und gegeneinander Stellung zu nehmen. Auf diese Weise entsteht erst Welt. Persönlicher Klatsch und Tratsch sind grundwichtige Bestandteile des menschlichen Lebens, insofern viele Leute ihr ganzes Leben damit verbringen (das Wort verbringen zeigt sehr schön das Negative an). Als Klatschbasen geben sie selbst Stoff zum Klatschen oder bringen diejenigen, die ohne Rücksicht auf das Gerede ihren eigenen Weg gehen, erst recht ins Gerede. Ohne diese Bewegung und Leben stiftende, Wirklichkeit formende Kraft des Marktes ständen die so verstreut wohnenden Landjuden sicherlich sehr isoliert da und verschwänden wahrscheinlich geistig und biologisch sehr rasch in der stärkeren Lebensgemeinschaft des Dorfes. Für die Zukunftssicherung eines Standes ist zweifellos die Verbindung der heiratsfähigen Jugend das Wichtigste. Kürzlich hörte ich Söhne und Töchter von Viehhändlern Neuigkeiten darüber austauschen, wer alles mit wem befreundet sei, daß der eine eine neue Freundin, die andere einen neuen Freund usf. habe. Zweierlei überraschte mich: sie erzählten sich gegenseitig nichts Neues, sie wußten das alles schon, sie hatten es anscheinend schon über den Viehmarkt gehört. Außerdem stieß mir die Frage auf: sollte in diese 558

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