Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 12 (März 1935)
- Article
- Der Viehmarkt
- Date
- 1935-03-01
- Page
- 559 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895526-2895538-2904747--07811-2904807- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Eva Reickmann-Jungmann: Werkleute stockkonservativen Familien das moderne „Freundschafts"-Verhältnis eingedrungen sein oder ist es vielleicht so, daß wir hier, wenn auch in blasserer Form, das bäuerliche Verhältnis zwischen dem Burschen und seinem Mädchen wiederfinden? Während in bürgerlichen Kreisen für Heirat und Einheirat eher das rationalistische Verfahren der Heiratsanzeige als Hilfsmittel dient, ist für die Viehhändler der Markt selbstverständlich auch Heiratsmarkt. Persönlich treffen sich die Jugendlichen auch gesellig, und zwar z.B. auf dem regelmäßig stattfindenden Simchas-Thora-Ball in X-hofen, einem Dorfe, in dem überhaupt keine Juden wohnen und das nur 6 km von dem Marktort entfernt liegt. Der Umkreis, aus dem die Jugend sich hier versammelt, entspricht dem Bezirk, aus dem die Händler zum benachbarten Markt kommen. Ich war noch nie auf diesem Ball. Aus seiner Beurteilung — es soll „halt dort wie auf einer Kirmes zugehen" — schließe ich, daß ich mich dort nicht sehr wohl fühlen würde. Klingt sonst mit Recht die Behauptung, der Besuch eines Balles oder das Lesen der Frank-Allan- Romane geschehe aus wissenschaftlichem, psychologischem oder soziologischem Interesse, nach Heuchelei, — in diesem Falle würde ich sicher sehr rasch in die Rolle des neutralen Beobachters fallen. Zu diesem Ball gehen ja selbstverständlich weder Bürger noch Städter. Und ironisch fragt man die vor Langerweile vergehenden Bürgertöchter: „Ihr geht doch wohl morgen abend auch auf den Ball nach X-hofen? Es gibt Sonntagskarten aus besonderem Anlaß" ... Eva Reichmann-Jungmann / Wefkleilte Im Gleichschritt und Gleichklang mit der deutschen Jugendrevolution, die im Jahre ioi3 zum Hohen Meißner aufbrach, wanderten und sangen auch die Jungen und Mädchen des jüdischen Bürgertums. Als der erste Rausch der Gemeinsamkeit verflogen war und, strenger als es in den bisherigen Lebensordnungen üblich gewesen war, die Scheidung nach Stamm und Art die Gruppen voneinander trennte, — auch dann, ja dann erst recht, hielt die Jugendbewegung die jüdische Jugend erfaßt. Und es geschah eines der vielen Wunder dieser wunderreichen Begegnung von Deutschem und Jüdischem: deutsche Kinder, kaum stärker vom Jüdischen her bestimmt als durch einen Religionsunterricht, den sie verlachten, durch eine Herkunft, die keine lebendige Verpflichtung mehr in sich schloß — deutsche Kinder kamen in Berührung mit einer neuen Lebensform, mit der Deutschland die Welt beschenkt hat, und sie wurden in ihr wieder zu Juden. Auf dem Weg über die Bünde ist eine ganze Generation junger deutscher Juden, die sonst leicht in Gleichgültigkeit und Abfall geendet hätte, zurück ins Judentum gegangen. Sie ging den Weg nicht gemeinsam, sondern in vielen Gruppen und Grüppchen mit verschlungener, häufig unstet und zufällig anmutender Eigenentwicklung. Es war auch nicht das gleiche Judentum, dem sie zustrebten: die einen sahen es national, die andern reli- 559