Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 12 (März 1935)
- Article
- Bach und Händel
- Date
- 1935-03-01
- Page
- 555 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Bach und Händel reinen und reichen blühenden Schönheit objektiv dargestellt. — So spiegelt sich in Bach jede Zeit, er selber aber bleibt als der tiefste Künder einer klingend gewordenen Mystik zeitlos ergreifend und beglückend. III. Georg Friedrich Händel, 26 Tage älter als Bach, gilt den Engländern als ihr größter Komponist. In Deutschland geboren und musikalisch erzogen, geht er seinen künstlerischen Weg durch die französische und vor allem die italienische Oper hindurch;später wird er noch von Henry Purcell, dem Hauptrepräsentanten der nationalen englischen Oper am Ende des 17. Jahrhunderts, besonders von dessen Kirchenkompositionen stark beeinflußt. Händel gehört in die Gruppe der „Vollender". Ausgehend von der Erziehung eines deutschen Organisten, wird er einer der Hauptvertreter der neapolitanischen Oper und, als Instrumentalkomponist, ein Meister der damals üblichen Typen der italienischen Sonate und des italienischen Konzerts. Seine Opern sind ein Gipfel der italienischen Barock-Oper, und es war auffallend, wie man den strengen Stil dieser architektonisch so vorbildlich gebauten Werke als Gegengewicht gegen die — Form und Stil auflösende — Musikkrise vor 15 Jahren benutzte und in der Händeloper-Renaissance einen, freilich vergeblichen, Versuch der Wiederbelebung dieser heute durch ihre Länge und unvermeidliche Einförmigkeit nicht mehr sehr bühnenwirksamen Stücke machte. Hierbei kam man auch zur szenischen Aufführung einiger seiner Oratorien in der Erkenntnis, daß es sich auch hier zum Teil nicht um kirchliche Werke, sondern um geistliche Opern handelt, „ideale Dramen, die mit dem größten Reichtum der Gestalten und der Kommentierung die Schicksale eines auserwählten Volkes zum Gegenstand nehmen/' (Riemann- Einstein.) Dieses auserwählte Volk, das heißt das israelitische Volk, steht in der Tat im Mittelpunkt des größten Teiles der Häridelschen Oratorien; äußerlich schon dadurch, daß Händel den Chor, den die Italiener zugunsten von Solostücken hatten zurücktreten lassen, fast in den Mittelpunkt dieser Werke stellte, wobei ihm die hohe Kultur der englischen Chöre zustatten kam. Gewinnt er so ein starkes neues Mittel des dramatischen Ausdrucks, so hat er damit auch die innere, ethische Größe des Volkes darzustellen gewußt. Hierbei ist zu bedenken, daß Händeis Stellung zur Bibel noch besonders durch die starke Hinneigung, die die Lehre der Puritaner zur Biblischen Geschichte auszeichnet, sehr beeinflußt wird. Daraus auf eine wie auch immer geartete besondere Verbundenheit zum Judentum zu schließen, ist ganz abwegig. Händel glorifiziert in den Oratorien vor allem das englische Volk. Im „Judas Makkabäus" ist das ganz offenkundig; er war eine 555