Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 12 (März 1935)
- Article
- Bach und Händel
- Date
- 1935-03-01
- Page
- 554 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Oskar Guttmann Im Matthäus-Evangelium ist Jesus vorwiegend Mensch. Daher die Furcht vor dem Leiden, den Schmerzen und dem Tode. Noch am Kreuze verzweifelt er menschlich an allem, da niemand ihn versteht, die Jünger ihn verlassen haben und das Volk, das er so liebt, ihn verspottet. Bach aber webt hier um die Figur Jesu durch die Instrumentation — er läßt ihn allein immer von Streichern begleiten — einen unirdischen Strahlenkranz und vergöttlicht ihn hierdurch. Im Gegensatz dazu ist Jesu im Johannesevangelium der Gott, der weiß, daß er sterben muß, um die Erlösung zu bringen. Unbekümmert um diese Tendenz nimmt Bach in die Johannes-Passion aus Matthäus die berühmten Textworte: „Und siehe, der Vorhang des Tempels" usw. hinüber, obwohl sie hier unnötig und unwahrscheinlich sind, da bei dem erwarteten und notwendigen Tode die Natur sich nicht zu empören braucht Das Johannes-Evangelium läßt einen gewissen Haß gegen das „ungläubige" jüdische Volk durchscheinen. Auch dieser Tendenz fügt sich Bach nicht. Gerade die Volkschöre sind hier musikalisch sehr reichhaltig und mit liebevoller Psychologie behandelt, die weit mehr einem menschlichen Verständnis entspringt als einer bewußt tendenziösen Voreingenommenheit. Über ein „Verhalten" Bachs zu den Juden ist freilich kaum ein Wort zu sagen. Es war wohl äußerlich das des orthodoxen Lutheraners zum Alten Testament, innerlich beherrscht von dem großen reinen religiösen Gefühl, ohne das Künstlertum überhaupt und das seine im besonderen nicht zu denken ist, und das über alle konfessionellen Unterschiede hinweg das Ewig-Vereinende und Gültige sucht. Den Juden hingegen verdankt es die Welt, daß Bach als Musiker wieder lebendig ist. Um 1800 etwa war er, außer bei ein paar Fachleuten, völlig vergessen. Denn unmittelbar auf ihn folgte ein ganz anderer Musikstil; der Vollender der kontrapunktischen Epoche war verschollen und wurde erst an jenem denkwürdigen 11. März 1829 wieder entdeckt, als der Schüler Zelters, der zwanzigjährige Felix Mendelssohn, der „Judenjunge", wie er sich selbst spottend nannte, die Matthäus-Passion in der Berliner Singakademie aufführte und damit die Bach-Renaissance einleitete. Für über zwei Menschenalter schuf er damit die gültige Prägung, bis ein anderer Jude, Siegfried Ochs, diesem Werk das ausdeutende Gesicht der spätromantischen Zeit in seinen bekannten strichlosen Aufführungen gab. Und da Bach mit an der Schwelle der modernen Musik mit ihrem imitatorischen Stil steht und man aus seiner melodischen Polyphonie die Grundlagen des linearen Kontrapunkts heraustheorisiert hat (Ernst Kurth), so war es ein dritter Jude, Otto Klemperer, der nun den entromantisierten Bach vor uns hinstellte; bei ihm floß die Polyphonie nicht in Klängen dahin, sondern in Linien, war das Gefühlvolle ausgeschaltet zugunsten gestuftester Geistigkeit, war die Architektur des Barock in ihrer 554