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Der Morgen · 1935-03-01 · Heft 12 (März 1935) · p. 553

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 12 (März 1935)
Article
Bach und Händel
Date
1935-03-01
Page
553 (sequence 2)
Language
German
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Oskar Guttmann: Bach und Händel II. Johann Sebastian Bach ist vielleicht das reinste Bild eines solchen Januskopfes. In ihm vollendet sich die gesamte Musik des Mittelalters, die Epoche der polyphonen Musik, der kontrapunktische Stil. Bis zurück zu den frühen Niederländern über das 16. und 17. Jahrhundert hinaus gehen seine künstlerischen Wurzeln. Was die Meister vor ihm erstrebt haben (und es gibt unter ihnen sehr bedeutende, vor allem Heinrich Schütz, der genau 100 Jahre älter ist als Bach), verinnerlicht er; die von ihnen geschaffenen Formen erfüllt sein Geist mit ewigem Gehalt und führt sie zu ungeahnter Höhe. Das andere Antlitz des Bachschen Januskopfes sieht in die Zukunft. Mit ihm beginnt entscheidend die Periode der harmonisch (nicht linear-kontrapunktisch) bestimmten Musik, die das ganze 18. und 19. Jahrhundert ausfüllt; er schreibt nicht nur vielstimmig beladene Barock-, sondern auch zierlichste, graziöseste Rokoko-Musik, so daß er da als ein ganz „Moderner" seiner Zeit erscheint und es in einem der Nachrufe bei seinem Tode heißen konnte, mit ihm sei der größte lebende Tanzkomponist dahingegangen. So weit spannt sich der Bogen dieses universalen Geistes, dessen tiefste Wurzeln freilich nochganz woanders eingebettetsind. Denn in seinem letzten Wesen gehört Bach zu den deutschen Mystikern. Ihnen ist er verwandt, wenn er sich an der Orgel in seiner ganz vergeistigten linearen Gestaltungsweise, in versunkener Ekstatik, in „seliger Wiedereinbildung" (wie vor ihm Meister Eckhart) zu seinem Gotte erhebt, oder wenn er, der Lutheraner, in der h-moll-Messe rätselhafte und unergründlich tiefe Klangsymbole schreibt. Bachs letztes Gefühl war jenseitig, irrational, — Todessehnsucht, Gott. Hieraus mag sich seine instinktive Abneigung gegen den Pietismus ergeben haben. Bach war ein streng orthodoxer, aufrechter, rechthaberischer Lutheraner; die weichliche Art der Lehre Jakob Speners war ihm nicht gemäß. Es ist ein Scherz der Kunstgeschichte, daß nun mit Hilfe der Bachschen Musik die so stark pietistisch beeinflußte religiöse Poesie aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts doch in den reflektierenden Partien seiner Kantaten und Passionen erhalten ist. Bach hat manchmal versucht, sich von den Bindungen eines dogmatisch festgelegten Gottesdienstes zu befreien; ein Beispiel dafür ist, wie er die Weihnachtslegende darstellen wollte. In einem Zuge sollte, ganz überkonfessionell, die Geschichte erzählt und im Stall zu Bethlehem der Heiland der Welt geboren werden, nicht der der lutherischen Kirche. Aber hier stellte der Kultus seine Anforderungen, Bach mußte seine Darstellung ausrecken und zergliedern. Er hat an Bibeltexten fast nur das Neue Testament vertont. Auch hier ein Beispiel, wie er den Text — als Künstler — auffaßt. 553

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