Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 12 (März 1935)
- Article
- Bach und Händel
- Date
- 1935-03-01
- Page
- 552 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Oskar Guttmann / Büdl Utld Händel Zu ihrem 250. Geburtstage I. „Nun streitet sich das Publikum seit 20 Jahren, wer größer sei: Schiller oder ich, und sie sollten sich freuen, daß überall ein paar Kerle da sind, worüber sie streiten können." Diese Worte Goethes zu Eck ermann, 1825 gesprochen, kommen einem unwillkürlich in den Sinn, wenn man die Namen Bach und Händel nebeneinander ausspricht: auch „zwei Kerle", über die man vergleichsweise sehr gestritten hat, und die in der absoluten wie relativen Bewertung gegeneinander oft geschwankt haben. Aber ebenso wie heute, 110 Jahre nach jenem goetheschem Wort, die Schale sich ohne Zweifel zugunsten Goethes als des „Größeren", des umfassenderen Geistes, man könnte sagen des einmaligen Phänomens neigt, so heute auch zugunsten Johann Sebastian Bachs, des „Vaters der Harmonie", wie ihn Beethoven nannte, — womit freilich die Bedeutung dieses bisher größten musikalischen Phänomens aller Zeiten und Völker nur einseitig erfaßt ist. Unter den genialen Persönlichkeiten der Menschheit sind drei Gruppen zu unterscheiden. Die einen sind die großen Anreger, ihr Schicksal ist meist Vergessenheit (ich nenne von Musikern den Sinfoniker Stamitz, den Lieder- und Balladenkomponisten Zumsteeg, die Söhne Bachs, den Schöpfer der romantischen Oper E. Th.A. Hoffmann, den größten Anreger der modernen Musik Gustav Mahler). Denn nach ihnen kommen die Größeren, die Vollender, die zweite Gruppe menschlicher Genien. Geben diese in der Vollendung Zeitloses, so dauern sie (Haydn, Mozart, Johann Strauß, Wagner), geben sie Zeitgebundenes, so verfällt dieser Teil ihres Schaffens (Reger) oder das ganze sehr schnell. Die dritte Gruppe sind die Schaffenden mit dem Januskopf: das eine Gesicht blickt tief hinein in die Vergangenheit und vereinigt, sie vollendend, mit mächtigem Griff ganze Entwicklungszüge; das andere Gesicht aber sieht in die fernste Zukunft und nimmt sehr oft die Entwicklung so voraus, daß ein Jahrhundert davon Stoff der Anregung und des Ausbaus hat. 552