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Der Morgen · 1935-03-01 · Heft 12 (März 1935) · p. 550

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 12 (März 1935)
Article
An der Grenze
Date
1935-03-01
Page
550 (sequence 9)
Language
German
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Leo Hirsch können. „Woran hast Du es gemerkt?" fragte der Kantor und klopfte wieder seine Zigarre ab, obwohl keine Asche dran war. Das stumpfe Ende glühte hellrot wie ein kleines Kaminfeuer. Boskin war dunkelrot geworden. Er schämte sich und wünschte, vor seiner Antwort an der Scham zu verbrennen. Er konnte nicht sprechen. Dem Kantor, der seine Scham sah, begann es immer tiefer leid zu tun, daß er diese Frage gestellt hatte. Und doch hätte er sonst nie diese ungesagte Antwort erhalten, die er so deutlich verstand, daß er darüber hinweggehen und mit der Begütigung des älteren Menschen fragen konnte: „Und sonst, Michel?" Nun konnte sich Boskin ein Herz fassen. Er redete in seiner Erregung so schnell, daß die Worte sich überschlugen und die Sätze stoßweise aus der tiefsten Aufgewühltheit seines jungen Lebens kamen. „Ich träume — vielmehr, ich erinnere mich — ich hatte alles vergessen — sonst wäre ich ja an dem Grauen erstickt — und nun kommt alles wieder — meine Mutter ist jeden Morgen zur Messe gegangen — und dann denke ich wieder, ich bilde mir das alles nur ein. Ich habe einen deutschen Hauslehrer gehabt. Aber an meinen Vater kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern. Ich sehe ihn nicht. Ich erinnere mich nicht. Ich weiß nicht mehr, wie er aussah, nur, was er zuletzt gesagt hat, bevor es losging. Meine Mutter hat sich bekreuzigt, als mein Vater sagte, wir haben jetzt den Krieg im Land. Und mein Vater hat so gelacht. Ich kann ihn nicht sehen, aber ich höre ihn noch lachen. Wir sind doch keine Juden!, hat meine Mutter geschrien, als die Kosaken kamen. Aber die Kosaken haben nicht danach gefragt. Ich fange an, mich zu erinnern. Ich höre alles, ich sehe das Blut von mir. Ich hatte ein goldenes Kreuz um den Hals, das haben mir die Kosaken abgerissen. Das soll kein Judenlümmel sein?, schrie ein Kosak meine Mutter an, du Judenhure! Jesus Christus — meine Mutter — meine Mutter hat immer Jesus Christus gerufen. Ich bin doch — ich bin doch —" Boskin stockte. Seine Stimme war immer leiser, immer flüsternder, immer schluchzender geworden. „Ich bin doch —" Er wagte offenbar das Wort „Christ" nicht auszusprechen und schwieg. Der Kantor umgab sich immer von neuem mit Rauchwolken. Er schwieg und wartete und schwieg. Er erinnerte sich, wie merkwürdig Boskin schon in den letzten Wochen gewesen war. Er war ausgewichen, überwältigt von den allmählich aufsteigenden Erinnerungen und von den Zweifeln an ihrer Echtheit. Die Zweifel waren die Mittel, mit denen der unglückliche Junge die erkaltende Lava seiner Vergangenheit immer wieder in sein verschüttetes Gedächtnis zurückdrängen und herunterstoßen wollte. Der Kantor war gewiß, daß Boskin nicht träumte. Er und seine Frau hatten sich längst Sorgen um Boskin gemacht. Rachel hatte den Kantor noch besonders gebeten, den Jungen nicht zu schelten und nicht 550

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