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Der Morgen · 1935-03-01 · Heft 12 (März 1935) · p. 551

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 12 (März 1935)
Article
An der Grenze
Date
1935-03-01
Page
551 (sequence 10)
Language
German
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An der Grenze zu schlagen, wenn er diesen Abend nur käme. („Hast Du mich schon ein Kind schlagen sehen?" hatte der Kantor geantwortet) Er hatte auch geahnt, daß Hosea mehr wußte, als er sagen wollte. Aber diesen Jungen müsse man mit Glacehandschuhen anfassen, pflegte Frau Kiwi zu sagen. Sie zitterte um Boskin, sie liebte ihn wie ein eigenes Kind. Man durfte ihr nicht sagen, was Boskin eben gestanden hatte. Das ist, seit ich sie kenne, meine erste Heimlichkeit vor ihr, dachte der Kantor. Vor ihnen auf dem Tisch standen die vier silbernen Leuchter, und die Lichter gingen zur Neige. Der Mond spiegelte sich in den Rinnsteinpfützen. Als der letzte Schlag der Kirchturmuhr verhallte, war die Stille in den Straßen so tief, als wäre sie seit Erschaffung der Welt in dieser Stadt und könnte nie mehr aufhören. Und das Mädchen Betty, das hinter den Gardinen der dunklen guten Stube stand, war überzeugt, daß sie allein von allen Menschen nicht schlief. Sie sah durch das halboffene Fenster, sie hörte keinen Laut, sie glaubte die Stille fast leibhaftig sehen zu können. Da tauchte dicht vor ihr der Kopf des „kleinen" Kiwi auf. Sie fuhr zusammen, obwohl sie ihn erwartet hatte. Sie legte den Finger auf den Mund, damit er leise bliebe. Doch er ergriff mutig und doch schüchtern und sehr ungeschickt ihre kleine Hand und flüsterte: „Betty, daß Du auf mich gewartet hast! Was würde geschehen, wenn Deine Eltern es wüßten?" Anstatt darauf einzugehen, fragte sie ihn: „Wie hast Du Dich nur fortstehlen können?" — „Ach", sagte er eifrig, „es war ganz einfach. Bei uns war doch große Aufregung, weil Michel nicht nach Hause kam, und da waren meine Eltern aufgeblieben —" „Ist er schon gekommen?" fragte nun Betty, aus fieberhaftem, plötzlich erwachtem Interesse Hosea fast laut unterbrechend. „Natürlich, er ist schon über eine halbe Stunde da. Jetzt hat Vater sich ihn vorgenommen." — „Warum denn? Was hat er denn getan? Warum denn um Himmels willen?" — „Ach Gott, immer noch die dumme Geschichte mit dem Karnickel." — „Es war ein Hase!" — „Meinetwegen ein Hase. Jedenfalls hat der dumme Kerl sich im Wald verirrt, als er ihn ins Nest zurückbrachte und —" Und in diesem Augenblick schloß Betty leise, aber mit einer gewissen Heftigkeit das Fenster, vor dem der kleine Kiwi ganz verdutzt stehen blieb. „Betty!" Aber das Fenster blieb geschlossen. Er kletterte behutsam ein wenig an der Mauer hoch, um hineinzuschauen, aber es war dunkel im Zimmer, und er sah nur sein mattes mondverwischtes Spiegelbild in den Scheiben. Von ferne kamen Schritte die Straße entlang, und es blieb Hosea nichts übrig, als heimzugehen. (Fortsetzung folgt) 551

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