Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 12 (März 1935)
- Article
- An der Grenze
- Date
- 1935-03-01
- Page
- 548 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Leo Hirsch Wald verlassen und hatte wohl eine Stunde den Feldweg gesucht, der kurz vor der Stadt in die Landstraße mündet. Von den Bauernhöfen kam das Gekläff der Hunde. Drüben auf der Landstraße flog langsam ein Licht heran und vorüber, die Lampe eines verspäteten Radfahrers. Der Mond hatte einen Hof. Der arme kleine Hosea, dachte Boskin, hat dem Mädchen nichts gebracht, und sie sitzt mit ihm vertraut im Park, ich bringe ihr das entzückendste Wesen, und sie schickt mich in den Wald zurück. Ist denn so viel Seligkeit auf Erden möglich, daß mein Leben noch ausgeglichen werden könnte"? Schon empfand er Hoseas Bevorzugung wie einen Fehler der ganzen Familie Kiwi. Es wurde Boskin zumute, als wenn er allein unter diesen Menschen die Tiere, die Pflanzen, die Liebe fühlen könnte. Er erkannte immer mehr, daß er sich von diesen — er dachte unwillkürlich: Juden unterschied. Bettys Vater hatte die Arme auf den abgedeckten Tisch aufgestützt, rauchte eine dicke Zigarre und las die Zeitung. Im Lehnstuhl saß die würdige Matrone, Bettys Mutter, und gab, wie um die Stille der guten Stube mit dem vielen roten Plüsch nicht gar zu gespenstisch werden zu lassen, ein kleines Konzert aus rhythmischen Schnarchsynkopen. Der Vater gegenüber saß Betty und tat, als läse sie ein Buch. „Na, Michel? Was ist los mit Dir?" Der Kantor hatte ihn vor der Tür erwartet. Das Essen, die festlichen Gesänge, das Tischgebet, das Lied vom Lämmchen, alles war längst vorüber und man hatte es trotz der Angst gehalten wie sonst und wie es befohlen war und geschrieben stand: Du sollst den Feiertag heiligen. Dann hatte man die Kinder zu Bett geschickt, und auch Hosea war in das kleine Zimmer gegangen, das er mit Boskin teilte. Im Eßzimmer saß Frau Kiwi allein, da auch die Großeltern längst ihre Mansarde aufgesucht hatten. Der Kantor klopfte ans Fenster: „Geh schlafen, Rachel, ich komme bald." — „Und Michel?" — „Es ist alles in Ordnung, Rachel, ich komme bald. Geh nur ruhig schlafen, Rachel, sieh, hier ist doch der Junge." Michael Boskin war drauf und dran, in Tränen auszubrechen. Der Kantor nahm ihm am Ärmel und führte ihn ins Eßzimmer, das Frau Kiwi schon verlassen hatte. An einem Licht, das im silbernen Leuchter noch flackerte, zündete der Kantor eine Zigarre an und gab auch Boskin eine. Er fragte nicht, und schließlich erzählte Boskin die ganze Geschichte mit dem Hasen. Während er redete, schämte er sich bereits, weil die Sache so „kindisch" war. „Na, und das ist Deine ganze Sorge? Du hast doch recht getan, das Tier wieder in den Wald zu bringen. Aber wenn Du es gern behalten hättest, Michel, auf den Hof ist doch Platz genug. Und ich hab Tiere sehr gern, die ich nicht schlachten muß, und Rachel gewiß. Und weißt Du, Michel, selbst eine richtige Gans ist immer 548