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Der Morgen · 1935-03-01 · Heft 12 (März 1935) · p. 547

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 12 (März 1935)
Article
An der Grenze
Date
1935-03-01
Page
547 (sequence 6)
Language
German
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An der Grenze Mädchen getroffen?" „Ich hab es sogar geheiratet!", antwortete der Großvater, und alle lachten. Um diese Zeit saßen Bettys Eltern bereits in der guten Stube beim festlichen Mahl. Der Vater, ein großer dicker Mann mit ungesundem Teint, hatte den Zylinder aus der Stirn geschoben und murmelte allein sein Gebet aus dem Buche vor sich hin, während die Mutter ihre ganze ältere Damenwürde auf die Verteilung der Suppe konzentrierte und Betty, das einzige Kind, als ihr die Mutter den Teller füllen wollte, die scheinheilige und scheinwürdige Stimmung mit den Worten unterbrach: „Bitte, mir nur einen Löffel voll . . ." Im Walde war es ganz dunkel geworden. Der Wind hatte sich in den Fichten verloren, die Sterne hatten sich hinter den Zweigen verborgen, der Mond war noch nicht aufgegangen. Da hörte der verzweifelt herumirrende Michael Boskin ein Geräusch, das wie das Weinen eines kleinen Kindes klang, bog die stachligen Zweige auseinander und fand endlich das Hasennest. Behutsam legte er den winzigen Hasen wieder hinein und ging. Er war kaum einige Schritte gegangen, als die Häsin zum Nest zurückkehrte. Wenigstens huschte ein Schatten vorbei, und das Weinen verstummte. Es war das ganze Jahr nie so hell im Kiwischen Eßzimmer wie an diesem Seder-Abend. Der lange Tisch war schneeweiß gedeckt, vier silberne Kerzen mit strahlenden Kerzen standen darauf, das riesige Zinngefäß, worin der süße, mostige Rosinenwein darauf wartete, jeden Becher vier Male zu füllen, die siebzehn Becher, die Messer, Gabel und Löffel, die Teller und Leuchter warfen in vielerlei Zuspitzungen und Abrundungen das Licht jeden Lichtes vervielfältigt einander zu und immer von neuem in ihre blitzenden Spiegel, und die weißen Kittel des Großvaters und des Kantors Kiwi schienen in ihrer blühenden Feierlichkeit selbst noch zu leuchten. An der Spitze des langen Tisches saß der Großvater und lehnte sich, wie es das Zeichen der freien Männer ist (denn befreit hat uns der Herr aus der ägyptischen Knechtschaft), links in seinen Sessel, am anderen Ende saß noch stolzer angelehnt der Vater, und die brüchig verzitternde Stimme des Greises und die jauchzend aufsteigende, immer neue Variationen der uralten Melodien im Augenblick findende und schmückende Stimme des Mannes vereinigten sich zum Vortrag der Strophen, während die zwölf Jungen im dröhnenden Chor einfielen, sobald der Refrain anhub, und die Mutter Kiwi, sobald eine Strophe ausgesungen war, halblaut wie zu sich selber sagte: „Wenn ihm nur nichts zugestoßen ist . . ." Jetzt habe ich es Wochen und Wochen überlegt, dachte Michael Boskin, ich habe sie beobachtet und mich beobachtet, das Zeichen ist nicht an mir, ich glaube, ich gehöre gar nicht zu ihnen. Aber das alles war ihm gar nicht so schroff bewußt. Er hatte erst eben den 547

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