Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 12 (März 1935)
- Article
- An der Grenze
- Date
- 1935-03-01
- Page
- 546 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Hirsch „Aber Hasen darf man doch nicht einmal essen!" sagte Betty, und auf den Einwand, daß der Hase ein unerlaubtes Tier wäre, hatte Hosea überhaupt nichts mehr zu erwidern. Wozu gab es Tiere? Doch Hosea erstaunte, daß Betty, statt auf dieses Problem zu kommen, wieder nach Boskin fragte, von dessen Herkunft er nun, was er weiß, erzählen mußte. Und doch kam kein Gespräch von solcher Einmütigkeit wie vorher mehr zustande. Es war Hosea manchmal zumute, als stände Boskin noch immer unsichtbar vor ihrer Bank. Dann schauerte Betty zusammen und sagte leise: „Wir müssen gehen." „Es ist noch kein Frühling", sagte Hosea ebenso leise. Nun wagt er es, Bettys Hand zu nehmen und zu drücken. Sie läßt es sich gefallen. Sie schließt für einen Moment die Augen und lehnt sich zurück. Da beginnt sich Hosea vor seinem eigenen Mut zu fürchten und läßt ihre Hand los. „Jetzt müssen wir aber gehen", sagt sie nach einer Weile müde, fast enttäuscht. Einen Augenblick lang hat Hosea ein Gefühl wie ein schmerzliches, unsäglich schmerzseliges Hintenübersinken, eine Empfindung, als wenn er etwas Unwiederbringliches verloren hätte, aber er weiß nicht was. Verwirrt steht Betty auf, und sie gehen durch den Park der Stadt zu. Eine leise, traurig liebe, schüchtern zärtliche, vorsichtig innige Stimmung beginnt sich zwischen ihnen zu weben, ohne daß sie sprechen, ohne daß sie einander ansehen. Aber dann kommen Leute vorüber, und alles ist verflogen. Als der rötlich grüne Schein des vorabendlichen Himmels noch die Straßen der kleinen Stadt an der Grenze zauberisch mit seinem Schimmer übergoß, als die letzten Strahlen der untersinkenden Sonne noch die Kupferpatina der Synagogenkuppel vergoldete, unter der im weißen Gebetmantel der Kantor Kiwi den Abendgottesdienst festlich begann, war es im Walde schon dunkel geworden. Zwischen den Bäumen und dornigen Sträuchern irrte Michael Boskin umher und konnte das Nest nicht finden. „Wo ist Michel?" fragte der Vater, als man sich zu Tischsetzen wollte. „Osi", so wurde zu Hause Hosea genannt, „war er nicht zum Beten?" Hosea mußte erst aus den Sternen, und zwar von der Venus herniederfinden, ehe er antworten konnte: „Ich weiß nicht." Das war zwar einigermaßen absonderlich, aber: „Dann warten wir noch eine Weile", meinte der Kantor achselzuckend. „Es wird dem Jungen doch nichts zugestoßen sein?" Frau Kiwi hatte schon eine Träne im Auge. „Er wird unterwegs ein hübsches Mädchen getroffen haben", versuchte die Großmutter scherzhaft abzulenken. „Aber, Dorchen!" drohte der Großvater, worauf sie sich aber wehrte: „Aber, Morchen, hast Du denn nie unterwegs ein hübsches 546