Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 12 (März 1935)
- Article
- Max Liebermann
- Date
- 1935-03-01
- Page
- 541 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Liebermann mit Atmosphäre, Licht, Umraum erfaßte, den Ausschnitt als Teil des Ganzen verstand und die Einzelheit zu einer Gültigkeit erhob, lockerte er die Mittel seiner Darstellung: die Fläche wurde ihm zum lebenerfüllten Raumteil, die Farbe erkannte er als ein Ergebnis optischer Mischung. Raum, Fläche und Farbe wurden bestimmt von seinem Temperament, das als Pinsel- oder graphische Spur aus jeder seiner Schöpfungen spricht, das Technische überwindend und die Werke zu persönlichen Dokumentationen erhebend. Im Zeitalter des beherrschenden Einflusses naturwissenschaftlicher Lehren läßt er in seiner Maltechnik optische Erkenntnisse fruchtbar werden. Ihm daraus den Vorwurf einer nur intellektuellen Beziehung zum Gegenstand zu machen, hieße die von ihm erreichte Verknüpfung von Kunst und Leben ablehnen. Wenn Max Liebermann zum Träger deutscher Malkunst des Impressionismus, ja zum eigentlichen Repräsentanten der schöpferischen Kräfte Deutschlands in dieser Zeit auf dem Gebiete der Kunst wurde, so erfüllte er damit nicht nur den geschichtlichen Sinn seiner Begabung und seines Lebens, sondern auch eine dem deutschen Judentum geschichtlich zugekommene Situation. Auch das ist eine jener undurchdringlichen Harmonien der geschichtlichen Entwicklung, daß in dem Zeitpunkt, in dem aus politischen und sozialen Umständen das deutsche Judentum die Möglichkeit hatte, durch eigenen Beitrag die deutsche Kunst zu fördern, ihm in Max Liebermann eine Erfüllung dieser Möglichkeit heranreifte. Als die Entwicklung der Kunst an dem Punkt angelangt war, wo die künstlerische Frische und Unverbrauchtheit der Juden der Forderung der Zeit, unbefangen vor die Natur zu treten, entsprechen konnte, war zugleich die Epoche der Malerei angebrochen, in der das Eindringen der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse in die Malerei die Juden besonders ansprechen mochte. Max Liebermann ist vom Judentum der deutschen Kunst zugetragen worden, als es seinen Beitrag zu liefern berufen war. Mit ihm hat das deutsche Judentum sich durch das unlösliche Band geschichtlicher Gewißheit in die deutsche Kunst eingegliedert. Max Liebermann fühlte sich durch keine jüdische Bindung verpflichtet. Zwar war er zu charaktervoll und zu klug, als daß er sich nicht zu seiner jüdischen Herkunft bekannt hätte. I m Judentum stand er nicht. Durch Leistung, Neigung und Willen fühlte er sich als deutscher Künstler, und er wäre nicht der typische Repräsentant einer großen Gruppe hochbegabter Juden der Emanzipationszeit gewesen, wenn er nicht das Judentum in eine Sphäre verwiesen hätte, in der es nur noch eine bewahrende Bedeutung hatte. Mehr als die Hälfte der Emanzipationsepoche derdeutschen Juden hat Max Liebermann erlebt. Er wär keiner der politischen Vorkämpfer und Hüter ihrer Rechte. Aber wenn die Leistung über die Berechtigung vorangegangener Mühen und Kämpfe, Ver- 541