Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 12 (März 1935)
- Article
- Max Liebermann
- Date
- 1935-03-01
- Page
- 540 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Hermann Gundersheimer des Naturalismus Inhalte, die bis dahin gemieden wurden, darstellungswürdig machten, so erschloß Liebermann der Kunst Motive, die ihr bis dahin fremd waren. Und doch verbindet kein gemeinsames Ethos Max Liebermanns „Gänserupferinnen" mit Gerhart Hauptmanns „Webern". Hier eine völlig zweckfreie, tendenzlose Darstellung, dort die außerkünstlerische, politische und soziale Nebenbedeutung. Max Liebermann lag es fern, mit seinen Bildern anderes als Kunst zu geben. Er war zu stark und zu bewußt an seine bürgerlich-vornehme, wirtschaftlich-gehobene Herkunft geknüpft, als daß er sich den politischen Strömungen seiner Zeit, soweit sie diese bürgerliche Existenz gefährden konnten, zugeneigt hätte. Liebermann war keine kämpferische Natur. Der Meister des pointierten Witzes, der geschliffenen Feder war kämpferischen Auseinandersetzungen nicht zugetan. Wie sein Lernen und Werden reibungslos verlief, so blieb sein Leben sorgenfrei und ohne Not. So mußte es kommen, daß er, dem es vorbehalten war, die Kunst aufs neue mit dem Leben zu verknüpfen, diese Aufgabe nicht zu Ende führte. Auf dem Wege zum Ziele überwand er nicht die Grenzen, die ihm seine Individualität setzte. So gültig, und wir dürfen sagen, unerreicht Liebermanns Darstellungen des ruhigen Meeres, der friedlichen Ebene, des heiteren Gartens sind — das Großartige und Gewaltige in der Landschaft, die Mächtigkeit des Gebirges, die Erregtheit des Meeres, den Aufruhr der Elemente zu gestalten, war ihm versagt, war gegen seine Natur (— wie auch die Darstellung dramatisch bewegter Gruppen). Sein Natursinn war deshalb nicht oberflächlich; aber wohl nicht ursprünglich, selbstverständlich genug, als daß er aus dem engeren Rahmen des Friedlichen, Angenehmen, Erfreulichen zur un-bedingten Annahme der Gegebenheiten vorgedrungen wäre. Er stand am Anfang einer Entwicklung, deren Ende der Expressionismus war, und sein Werk, mag es sich auch über mehr als sechs Jahrzehnte erstrecken, hat der Entwicklung die Richtung zugewiesen. Freilich: es war eine Richtung, die ebenso sehr von bester deutscher Tradition als von starken außerdeutschen Forderungen bestimmt war. Daraus die spezifisch deutsche Richtung des Impressionismus geprägt zu haben, bedeutet Liebermanns kunstgeschichtliche Leistung. Ein Stil wurde von ihm begründet, und das will sagen: neben dem Inhaltlichen, Geformten schuf er ein verändertes Formendes. Dieses Formende, das Technische, ist über das gerechte Maß an Liebermann gerühmt worden und wird mit nicht geringerer Heftigkeit ihm nun zur Belastung genannt. Er hat die Welt nicht nur anders gesehen als die Generationen vor ihm, er hat auch seine Eindrücke anders zur Form werden lassen. Indem er die Landschaft und die menschliche Erscheinung in ihren Zusammenhängen 540